International Vegetarian Union (IVU)
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3rd World Vegetarian Congress 1910

Brussels, Belgium

1910

Deutscher Vegetarier-Bund
Internationaler Vegetarier-Kongreß. Der Vorstand unseres Bundes hat mich beauftragt, beim diesjährigen Internationalen Veget.-Kongreß in Brüssel (10.-12. Juni) unseren Bund zu vertreten und womöglich einen zweiten veget. Arzt dorthin mitzunehmen. Als Begleiter hat sich mir nun mein Kollege Herr. Dr. G. Knauf in Ludigshafen (Bodensee), Mitglied unseres Bundes, erboten. Er wird in Brüssel einen Vortrag über die Einrichtungen und die Erfolge seines Kindersanatoriums halten. Ich selbst werde dort über die Geschichte unseres Bundes und den Stand der deutschen veget. Bewegung berichten. Der Kongreß, der gut besucht zu werden verspricht, wird sich aus geschäftlichen, wissenschaftlichen und geselligen Veranstaltungen zusammensetzen, sowie mit einem Besuche der Brüsseler Weltausstellung verbunden sein. Prospekt versendet Herr M. F. Thalasso, 200, rue du Trône, Brüssel. Bundesmitglieder, die sich auf eigene Kosten anzuschließen wünschen, sind uns willkommen und seien hiermit gebeten, mir von ihrer Absicht gefl. bald Mitteilung zu machen.
Dr. Selß, Baden-Baden
(Vegetarische Warte, 28. Mai 1910, Heft 11, Seite 114)

Der dritte Internationale Vegetarier-Kongreß
Brüssel, 9.-12. Juni 1910

Hatte unser Bund beim vorjährigen vegetarischen Weltverbrüderungstage im Oktober 1909 in Manchester infolge unglückseliger Zufälligkeiten, hauptsächlich wegen unserer damaligen inneren Streitigkeiten, unvertreten bleiben müssen, so wollte er dieses Jahr doch zeigen, daß ihm die Sache des Zusammengehens mit den Vegetariern anderer Kulturländer keineswegs gleichgültig ist. Ich wurde daher mit einem zweiten Arzte aus unserem Bunde nach Brüssel gesandt, wo noch mehrere Mitglieder unseres Bundes sich außer uns eingefunden hatten. Ort und Zeit der Zusammenkunft waren sehr geschickt gewählt, das bewies der gute Besuch. Wo und wann könnte man auch die Vertreter aller Länder besser versammeln, als bei Gelegenheit einer Weltausstellung! Die prächtige Stadt Brüssel mit ihrer großartigen Ausstellung erwies sich denn auch als die denkbar liebenswürdigste Gastgeberin, nicht zu vergessen des starken, wohlgeleiteten Brüsseler Vegetarier-Vereins, der dort seines Gastgeberamtes waltete und seine Aufgabe aufs geschickteste erledigte.

Der Empfangsabend am 9. Juni führte uns in den Mittelpunkt von Alt-Brüssel, auf den geschichtlich merkwürdigen "Großen Platz", dessen vergoldete Häuserstirnen im Lichte zahlreicher Lampen erstrahlten und von Musikklängen festlich wiederhallten. Dort in den Räumen des "Ärztlichen Vereins von Brüssel" gab die Brüsseler Vegetarier-Gesellschaft den Gästen von Nah und Fern einen festlichen Willkomm. Da wogte das frohe Vegetariervolk aus aller Herren Länder auf und nieder. Da wurden alte Bekanntschaften erneuert, neue geknüpft, und die Vertreter mancher klangvollen Namen, die wir jahrelang nur gedruckt gekannt hatten, stellten sich uns hier in Person vor. Erfrischungen wurden herumgereicht, und man plauderte im zwanglosen Gruppen aufs angenehmste, während die freundlichen Gastgeber, vor allem das Ehepaar Dr. Nyssens, sich für ihre Gäste geradezu aufopferten.

Am anderen Morgen traf man sich im vegetarischen Speisehause der Weltausstellung, das dort dicht am Eingange, der vom Cambre-Wäldchen in die Ausstellung führt, von der unternehmenden englischen "Vegetarischen Gesellschaft" errichtet ist. Man nahm ein englisches Frühstück und begab sich alsbald zu der nahe dabei gelegenen großen Versammlungshalle, die eigens zur Abhaltung von Tagungen und Vorträgen für die Dauer der Ausstellung errichtet ist und eine Anzahl kleiner und großer Säle enthält. Hier eröffnete eine Ansprache von Prof. Huchard aus Paris die Tagungs-Verhandlungen. Dieser hervorragende Arzt, Hochschullehrer und Mitglied der Akademie der Medizin, gab den Verhandlungen ihren wissenschaftlichen Charakter. In Frankreich und Belgien ist nämlich, sehr im Gegensatze zu Deutschland, die vegetarische Bewegung vorzugsweise eine Sache der Ärzte und Hochschullehrer, deren eine stattliche Zahl aus beiden Ländern durch Vorlesungen und öffentliche Vorträge Zeugnis ablegten für ihre fortschrittliche Ueberzeugung und Betätigung im Sinne unserer vegetarischen Lehre.

Bei der Eröffnung zeigte es sich, daß 8 Länder und Völker ihre vegetarischen Vertreter nach Brüssel entsandt hatten: Holland, England, Schweden, Rußland, Griechenland, Spanien (sowohl Kastilien als Katalonien war verteten), Frankreich und Deutschland. Nach alphabetischer Reihenfolge hielten die Abgesandten ihre Ansprachen und Berichte, wobei ich den Reigen zu eröffnen hatte. Mein Kollege Dr. Knauf aus Ludwigshafen am Bodensee, der Ueberbringer einer lehrreichen Abhandlung über Errichtung und Erfolge seiner Kinderheilanstalt, hielt sich still im Hintergrunde. Ich verfehlte nicht zu betonen, daß unser Bund dieses Jahre durch Entsendung seiner Vertreter die Scharte vom vorigen Jahre hat auswetzen wollen, was mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Ich wies ferner auf den Unterschied hin, den unser Land und das unserer Gastgeber aufweisen hinsichtlich der dem Vegetarismus zuneigenden Volksschichten: dort zahlreiche ärztliche Vertreter des Vegetarismus, bei uns der Vegetarismus von ärztlicher Wissenschaft meist verspottet und angefeindet.

Für England sprach der greise Dr. Axon aus Manchester und die Schriftleiterin Fräulein Hompes, bekannte Mitarbeiter des "Veget. Mesenger", während der tätige Geschäftsführer Broadbent aus Manchester mangels hinreichender Sprachkenntnisse sich still verhielt. Für Holland sprach unser Freund Dr. Meyroos aus Rotterdam, der schon in Dresden bei der Gründung der "Union" lebhaft teilgenommen hatte. Für Schweden sprach die weltgewandte Frau Prof. Lombard, die unseren Lesern schon vorteilhaft bekannt ist, während der Redakteur Saxon, ein äußerst tätiger Arbeiter für unsere Sache, zu Hause zurückgehalten worden war. Rußland vertrat der noch kürzlich hier erwähnte Herr Professor Wöikoff, Lehrer der Meteorologie an der Petersburger Hochschule. Von Frankreich war Herr Morand zur Berichterstattung beauftragt. Er ist der Inhaber des Pariser Speise- und Reformhauses "Natura vigor" und Schriftleiter der französischen Vegetarierzeitschrift "Hygie" , während der lebhafte Südfranzose Dr. Danjou, Arzt aus Nizza, den katalonischen Teil Spaniens zu vertreten übernommen hatte. Dr. Danjou, dessen glänzende, für unsere Begriffe fast zu lebhafte, rednerische Befähigung sich während der ganzen Dauer der Tagung stark bemerkbar machte, ist der eigentliche Anreger des internationalen Vereinigungsgedankens und erwies sich als ein Vegetarier von echter Überzeugung, nicht nur hinsichtlich der gesundheitlichen, sondern auch hinsichtlich der sittlichen und erzieherischen Aufgaben des Vegetarismus. Griechenland schließlich war von der auch hier schon öfters erwähnten Frau Drakoules vertreten.

Was die wissenschaftlichen, meist ärztlichen Vorträge betrifft, so muß ich mich darauf beschränken, die Redner zu erwähnen. Es sprachen die französischen Aezte Petit, Danjou, Guelpa, Pascault, Labbé und Huchard, ferner Herr Dr. Nyssens, sowie die Brüsseler Physiologin Fräulein Prof. Dr. Joteyko. Von Nichtärzten sprachen die Professoren Wöikoff (St. Peterburg), Hoffmann (Gent) sowie der französische Rechtsanwalt Herr Roux aus Amiens. Der Inhalt der sämtlichen Vorträge wird gedruckt erscheinen in einem besonderen Buche, das die Brüsseler Vegetarier-Gesellschaft herauszugeben beabsichtigt, und aus dem ich Auszüge hier hoffe später veröffentlichen zu können. Erwähnt sei noch, daß ein Pariser und ein Lyoner Universitätsprofessor der Medizin unserer Tagung ihre besten Wünsche übermittelten und ihr Bedauern aussprachen, nicht selbst dabei sein zu können. Wann werden deutsche Medizinprofessoren zu diesem Standpunkte der Vorurteilslosigkeit ihrer französischen und belgischen Kollegen durchgedrungen sein und die Mauer von eingebildeten Hindernissen durchbrochen haben, die sie von uns heute noch so scharf trennen!

Aber auch für die Bedürfnisse der frohen Geselligkeit hatten unsere Brüsseler Gesinnungsgenossen bestens gesorgt, indem sie, außer dem erwähnten Begrüßungsabend, einen genußreichen musikalischen Abend und ein Festmahl am anderen Abend boten. Das letztgenannte fand im vegetarischen Speisehause der Ausstellung statt und war nicht nur vorzüglich zubereitet, sondern es zeichnete sich auch dadurch aus, dass man die Teilnehmer dabei mit langen Tischreden, wie sie bei uns oft zur Plage werden, verschonte. Nur am Schlusse des Mahls gab Herr Rechtsanwalt Roux dem Danke der Gäste Ausdruck.

Eine so anregend verlaufene Tagung weckt das Verlangen nach baldiger Wiederkehr. Aber man einigt sich diesmal, eine längere Pause zu machen, damit erst neuer Stoff, wie er sich nicht von Jahr zu Jahr finden läßt, gesammelt werden kann. Man will die Tagungsreden stets veröffentlichen, und um dazu Neues und Gutes stets bieten zu können, will man die Zahl der Tagungen weise beschränken. Die nächste soll erst 1913 im Haag stattfinden, womöglich zugleich mit der Eröffnung des Friedenspalastes.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Teilnehmer an der Brüsseler Internationalen Tagung sich auch auf einer photographischen Platte haben vereinigen lassen. Das Bild wird vielen eine angenehme Erinnerung bleiben. Man kann es durch Vermittlung von Herrn Dr. Nyssens, 60 rue des drapiers, Brüssel, beziehen, desgleichen das noch zu druckende Buch, das die sämtlichen Vorträge wiedergibt.

Ein kurzer Besuch and der belgischen Seeküste und dann bei einigen Gesinnungsgenoosen im Rheinlande machte für mich den Schluß dieser schönen Reise aus, deren Erfolg zugunsten unserer Sache gewiß nicht ausbleiben wird. Die Vegetarier haben wieder einmal gezeigt, daß sie zur Stelle sind, daß sie nicht weltfremd zurückbleiben, wo alle Welt sich ein Stelldichein gibt, sondern daß sie verstehen, als moderne Menschen ihrer Zeit den rechten Ort und den passenden Augenblick zu finden, um sich bemerkbar zu machen. Die Presse dort in Brüssel hat uns sicher nicht übersehen. Spaltenlange, äußerst wohlwollende Berichte der Brüsseler Zeitungen haben mir dies mit angenehmster Deutlichkeit gezeigt. Für ein in Brüssel erscheinendes deutsches Wochenblatt, das von der deutschen Presse als Quelle für belgische und holländische Berichte benutzt zu werden pflegt, habe ich selbst den Bericht schreiben dürfen.
Dr. Selß
(Vegetarische Warte, 25. Juni 1910, Heft 13, Seite 129-130)


Ansprache zur Eröffnung des Internationalen Vegetarierkongresses in Brüssel
gehalten von Professor Dr. Huchard aus Paris.
Übersetzt aus dem Juniheft der "Réforme alimentaire" von Oberlehrer Dr. G. Schläger

Indem ich heute den Dritten Internationalen Vegetarierkongreß eröffne, liegt es mir zuerst ob, die aus allen Ländern Erschienenen willkommen zu heißen und den Mitgliedern des vorbereitenden Ausschusses für die große, ein wenig unverdiente Auszeichnung zu danken, die sie mir durch die Wahl zum Ehrenvorsitzenden erwiesen haben. Sie hätten unter Ihrer Schar einen strengeren und vielleicht älteren Vegetarier finden können und ganz gewiß eine bedeutendere Persönlichkeit. Wenn Sie mir doch die Gunst erwiesen haben, so haben Sie damit ohne Zweifel einen immer tätigen guten Willen anerkennen wollen, eine aufrichtige Treue Überzeugungen gegenüber, die schon alt sind, da sie von 1883 und besonders von 1885 herrühren, seit meinen ersten Arbeiten über die Aderverkalkung. Dann haben Sie wohl in diesem gastlichen Lande mit französischer Sprache den Franzosen ehren wollen, in Erinnerung daran, daß von Frankreich die erste Stimme zugunsten des Vegetarismus ausgegangen ist durch das Erscheinen der "Thalysia" und der anderen Werke von Glëizès in den Jahren 1773 und 1843.

Ohne bis auf Pythagoras und die alten Zeiten zurückzugehen, was unnötig erscheint, da alles über die Geschichte des Vegetarismus schon oft gesagt ist, will ich Ihnen in Kürze eine andere Geschichte erzählen, nämlich die meiner Bekehrung zu den Ideen, die Sie auch heute hier vertreten.

Seit langer Zeit, seit dem Beginne meiner medizinischen Studien im Jahre 1864, hatte ich die lange Lebensdauer meiner Großeltern ihrer fast ausschließlich vegetarischen Lebensweise zugeschrieben, weil sie nur zweimal im Jahre, am Namenstage und an einem vaterländischen Festtage, Fleisch aßen. Es handelte sich aber damals nur um einen einfachen Eindruck ohne wissenschaftlichen Charakter. Erst 1883 und besonders 1885 setzte sich dieser Gedanke in mir fest, als ich bei dem Forschen nach den hauptsächlichen Ursachen der Aderverkalkung durch zahlreiche Beobachtungen den zu häufigen und übermäßigen Fleischgenuß feststellte.

Als ich dann bei dem Verlaufe der Krankheit auf eine wichtige Erscheinung aufmerksam wurde, nämlich die Atemnot, deren wahre Ursache vollständig unbekannt war, da sah ich, daß die Anwendung reiner Milchdiät oder der laktovegetabilen Diät die Atmungsbeschwerden vollständig und schnell verschwinden ließ. Ich habe sie seitdem zuerst mit dem Namen der "Atemnot durch Selbstvergiftung", und später als "Atemnot durch Selbstvergiftung" bezeichnet, welcher Ausdruck jetzt allgemein angenommen ist. Endlich kam ich dazu, die Ernährungsweise zur Grundlage zu machen bei der Behandlung der arteriellen Aderüberdehnung, also der Vorstufe zur Arteriosklerose, wie zur ausgebildeten Arterienverkalkung.

Alles war aufs klarste bewiesen, weil die Behandlung in überraschender Weise die klinische Beobachtung bestätigte. Aber trotzdem regte sich der Widerspruch, und einige leidenschaftliche Experimentatoren fütterten Tiere mit mehr oder minder verdorbenem Fleisch, ohne in einigen Wochen oder Monaten atheromatöse oder arteriosklerotische Veränderungen zu erzeugen. Sie schlossen daraus ein wenig zu voreilig, daß unsere Ansichten über die Krankheitsursachen falsch seien. Ihre Erfahrungen sind hinfällig, sie sind ohne Wert, weil sie nicht in Übereinstimmung mit dem Klinischen Befunde stehen, welcher lehrt, daß in diesen Fällen die Vergiftung durch die Nahrung langsam und eine große Anzahl von Jahren hindurch dauernd geschehen muß. Dieser Umstand beweist, daß die willkürlich erzwungenen Beobachtungen (observations provoquées), wie sie Claude Bernard nannte, um das Experimentieren zu charakterisieren, manchmal hinter den frei entstandenen Beobachtungen der Klinik zurückstehen müssen.

Der Beweis ist geliefert, und die Aderverkalkung, von der man viel, sogar ein wenig zuviel spricht, rührt oft von Fehlern in der Ernährung her, woraus sich die Beziehungen zu den Glenkschwellungen und zur Gicht, besonders der durch Unmäßigkeit erworbenen, erklären.

Im Jahre 1891 ließ ich in einem nichtmedizinischen Blatte einen Aufsatz über die "Grundzüge der Nahrungshygiene" erscheinen, und in meinen Consultations médicales, deren erste Auflage 1900 erschien, sind unter demselben Titel und in demselben Geiste etwa vierzig Seiten dem Studium der folgenden Fragen gewidmet:
1. Vergiftung durch die Fleischnahrung
2. Krankheiten durch überreichlichen Fleischgenuß
3. Beziehungen zwischen Ernährungsweise und Muskelkraft
4. Beziehungen zwischen Ernährungsweise und der geistigen Arbeit
5. Langlebigkeit des Menschen infolge vegetarischer Lebensweise
6. Einfluß der Lebensweise auf die Sittlichkeit
7. Einfluß der Lebensweise auf das künstlerische Empfinden

Das ist die einfache Geschichte meiner Bekehrung, oder richtiger gesagt meiner Entwickelung.

Mit Ihnen allen wiederhole ich, daß es sich nicht nur um eine medizinische, sondern um eine soziale Frage handelt. Sie geht das Leben des Menschen an; sie geht nicht nur das materielle, geistige oder sittliche Leben eines Volkes, sondern auch das der ganzen Menschheit an. So überschreitet sie die Grenzen der Völker und ist in Wahrheit international, wie der heutige Kongreß und seine Vorgänger, wie es ja auch die Vereinigung der vegetarischen Gesellschaften Europas, die Internationale Vegetarier-Union beweist. Der Kampf für den Vegetarismus ist auch der Kampf gegen den Alkoholismus, diese Geißel der neueren Zeit, und in einer Arbeit von Edouard Roux, die man nicht genug berücksichtigt (Handbuch der Hygiene und des Vegetarismus. Gefahren des Tierfleischessens. Lausanne 1881), ist ausgeführt und bewiesen, daß Übermaß im Fleischgenuß zur Unmäßigkeit im Trinken, zu Ausschweifungen aller Art führt. So gestand auch unser alter Geschichtsschreiber Mézerai im 17. Jahrhundert unumwunden zu, daß seine Gicht von Bacchus und Venus herrühre.

Die Unmäßigkeit schädigt Körper und Geist, die körperlichen, sittlichen und geistigen Eigenschaften des Individuums, sie kürzt die Dauer des menschlichen Lebens beträchtlich ab, welches an und für sich nicht kurz ist; nur wir kürzen es ab: non accepimus brevem vitam, sed facimus, sagte Seneca. In seinem Traité des aliments vom Jahre 1702 behauptet Louis Lémery, daß unsere Väter, die sich von Nahrungsmitteln aus dem Pflanzenreiche ernährten, sich weit besser befanden und länger lebten, als wir. Im 17. Jahrhundert hatte Lancisi, den man nicht anführt, geschrieben: Quale est alimentum, talis est chylus; qualis chylus, talis sanguis; qualis tandem sanguis, tales sunt spiritus.

Ihr Werk, unser Werk, hat also eine beträchtliche Tragweite. Leider wird seine Erfüllung noch viele Jahre erfordern, weil Sie mit hartnäckigen Vorurteilen und Irrtümern zu kämpfen haben, weil Sie sich besonders an die Hygiene wenden, die Tugend und Willen zugleich ist, weil es nur schwer gelingen wird, klar zu machen, daß man den Appetit des Gaumens nicht mit dem des Magens verwechseln darf, daß das Fleisch kein Kräftigungs-, sondern ein Reizmittel von geistiger Wirkung ist.

Aber der Anlauf ist gemacht, und nachdem ich nachgewiesen habe, daß man durch den Fleischgenuß am Abend zu der Entgiftung durch den Schlaf eine Vergiftung durch die Nahrung hinzufügt, habe ich die Freude gehabt zu sehen, daß diese Ansicht nicht nur von den Ärzten, sondern auch ganz besonders von der nichtmedizinischen Welt angenommen ist und befolgt wird. Denn die Zahl der Leute, die bei der Abendmahlzeit Fleisch in jeder Form vermeiden, ist heute schon beträchtlich geworden. Das ist auch schon ein Fortschritt. Und ein weiterer: auf diesem Kongreß wird es von neuem bewiesen werden, daß die vegetarische Ernährung bei der Behandlung der Tuberkulose bevorzugt werden muß. Man muß sich über die schon errungenen Fortschritte freuen, langsam und schrittweise die Geister zu gewinnen suchen und sich vor gewissen Übertreibungen hüten, die imstande sind, die beste Sache zu schädigen.

Sie haben noch große Aufgaben zu erfüllen, und wenn Sie etwas ermutigen, stützen, stärken soll im Kampfe, so ist es das Gefühl der Pflicht, die Überzeugung von den großen Diensten, die Sie der ganzen Menschheit erweisen, indem Sie das lehren, was das Wichtigste im Leben ist: die rechte Lebenskunst.

Nach diesen letzten Worten, die wie ein Wahlspruch für uns sind, habe ich die Ehre, den 3. Internationalen Vegetarierkongreß für eröffnet zu erklären, indem ich allen Förderern des Werkes, den bekannten und unbekannten, Dank ausspreche, ebenso wie den Vertretern der vegetarischen Vereine, den Vorsitzenden unserer vier Abteilungen, die durch ihre Arbeiten und ihren Eifer wohl bekannt sind, dem Dr. Nyssens aus Brüssel, dem Schriftleiter der Réforme alimentaire und Vorsitzenden der belgischen Vegetariervereinigung, dem Dr. Jules Grand, dem Vorsitzenden des Vegetariervereins von Frankreich, Herrn Axon, dem Vorsitzenden der Vegetarischen Gesellschaft aus Manchester, Herrn Professor Woeikof, dem Vorsitzenden des Vegetariervereins von Petersburg, Herrn Dr. Selß, dem Vorsitzenden des Deutschen Vegetarierbundes, Herrn Rodriguez aus Spanien, Frau Drakoules aus Griechenland, Herrn Meyroos aus Holland, Frau L. Lombard aus Schweden, allen überzeugten, hingebungsvollen, mutigen Verfechtern einer edlen Sache, die sie bis zu ihrem endgültigen Siege verteidigen wollen!

(Vegetarische Warte, 20. August 1910, Heft 17, Seite 167-168)

1910 (translation by Hildegund Scholvien)

German vegetarian federation
International Vegetarian Congress. The executive committee of our federation assigned me to represent our federation at the International Vegetarian Congress this year in Brussels (June 10-12) and possibly take along a second physician with me. My colleague Dr. G. Knauf of Ludwigshafen (Bodensee), member of our federation, has offered to accompany me. He is going to give a lecture in Brussels on the facilities and successes of his sanatorium for children. I myself am going to report there about the history of our federation and the situation of the German vegetarian movement. The congress, that promises to be well visited, will consist of business, scientific and social meetings, and will be connected with a visit of the Brussels world exhibition. Mr. M. F. Thalasso, 200, rue du Trône, Brussels, is sending out folders. Members of our society, who wish to join us at own expense, are welcome and are hereby asked to inform me about their intention as soon as possible.
Dr. Selss, Baden-Baden
(Vegetarische Warte, 28. May 1910, issue 11, page 114)


The Third International Vegetarian Congress
Brussels, 9.-12 June 1910

Although our federation was not represented at the last World Vegetarian Congress in October 1909 in Manchester due to unfortunate eventualities, mainly because of our internal disputes at that time, we wanted to show this year that the co-operation with the vegetarians of other cultures and countries is not at all unimportant for us.Therefore I was sent to Brussels with a second physician from our federation, where several members of our federation had turned up besides us. The good attendance proved that place and time of the meeting were selected very skillfully. You couln't find a better opportunity to meet the representatives of all countries, than at the occasion of a world exhibition! The magnificent city of Brussels with its great exhibition proved also to be the most charming hostess, not to forget the strong, well organized Brussels Vegetarian Association, which acted as a wonderful host and skillfully managed its tasks.

The reception evening June 9 led us into the center of old Brussels, on the historically remarkable "Grande Place", whose gilded house fronts sparkled in the light of numerous lamps and echoed with festive music sounds . There in the rooms of the "Medical Association of Brussels" the Brussels Vegetarian Association welcomed the guests from near and far. There the vegetarians from various countries enjoyed themselves. Old acquaintances were renewed, new ones picked up, and we personally met the representatives of some well known societies, whom we had known only as printed names for so many years. Refreshments were offered, and we pleasantly chatted in informal groups, while the friendly hosts, above all Dr. Nyssens and his wife, almost sacrificed themselves for their guests.

 

The next morning we met in the vegetarian restaurant of the world exhibition, which had been built by the English "Vegetarian Society" near the entrance, which leads from the Cambre Forrest into the exhibition. We had an English breakfast and went immediately afterwards to the large meetinghall which was built particularly for conferences and lectures during the exhibition and contains a number of small and large conferende rooms. Here Professor Huchard from Paris opened the conference negotiations with a lecture. This outstanding physician, university teacher and member of the academy of medicine, gave a scientific character to the conference. In France and Belgium, much in contrast to Germany, the vegetarian movement is a concern of the physicians and university teachers; and quite a number from both countries demonstrated their progressive conviction and activities for our vegetarian goals in lectures and public conferences.



Eight countries had sent their vegetarian representatives to Brussels: Holland, England, Sweden, Russia, Greece, Spain (both Castilla and Catalonia were represented), France and Germany. The representatives gave their reports in alphabetical order and I had to be the first. My colleague, Dr. Knauf from Ludwigshafen on Lake Constance, the author of an interesting paper about the facilities and successes of his sanatorium for children, kept himself quiet in the background. I emphasized that our society wanted to make up for the absence in the previous year by sending its representatives to Brussels, what was appreciated with lively applause. I referred furthermore to the differences between our country and that of our hosts regarding the acceptance of vegetarianism by the various social classes: there many medical representatives of vegetarianism, in our country medical scientists usually ridicule vegetarianisor even treat it with hostility.



For England aged Dr. Axon from Manchester reported and the editor in chief Ms Hompes , well-known representative of the "Vegetarian Messenger ", whilst director Broadbent from Manchester remained rather quiet due to a lack of language skills. Our friend Dr. Meyroos from Rotterdam, who had already participated in the Dresden congress with the foundation of the "Union" spoke for Holland. Professor Lombard, who is well-known to our readers spoke for Sweden, whilst the editor Mr. Saxon, an extremely active worker for our cause had to stay at home. Russia was represented by Professor Woeikoff, teacher of meteorology at the St. Petersburg University. Mr. Morand was assigned to report for France. He is the owner of a restaurant and health food store "Natura vigor" and editor of the French vegetarian magazine "Hygie", while the lively Dr. Danjou, medical doctor from Nice, represented the Catalonian part of Spain. Dr. Danjou, whose brilliant eloquence - almost too lively for us - dominated the whole conference, is the actual initiator of the International Vegetarian Union, he proved himself as a vegetarian of genuine conviction, not only regarding the health, but also the moral and educational tasks of vegetarianism. Greece finally was represented by Mrs. Drakoules, who we mentioned already several times.

 

Regarding the scientific, mostly medical lectures, I can only mention the speakers. The French doctors Petit, Danjou, Guelpa, Pascault, Labbé and Huchard, furthermore Dr. Nyssens, as well as the Brussels physiologist Professor Dr. Joteyko spoke. Non medical speakers were Professors Woeikoff (St. Petersburg), Hoffmann (Ghent) as well as the French attorney Mr. Roux from Amiens. The Brussels Vegetarian Society intends to publish a book with all lectures, which, and I hope to be able to publish parts of it here in our magazine. Two medical professors from Paris and Lyon University conveyed their best wishes to the conference and regretted very much that they were not able to participate themselves. When will German medicine professors come to the same point of view like their French and Belgian colleagues to overcome prejudices and break through the wall of conceited obstacles that separate them so dinstinctly from us now!

In addition, our friends from Brussels had cared in the best possible way for a gay social life, by offering, apart from the mentioned reception evening, a very enjoyable musical evening and a delicious dinner the other day. This dinner took place in the vegetarian restaurant inside the exhibition and was really excellent, and we appreciated very much, that we were not treated with long speaches. Only at the end of the meal attorney Mr. Roux said some words of thanks to our hosts on behalf of all participants.

 

An inspiring conference like this one produced a general demand for a soon return. But we agreed to have a longer break this time, to have enough time to collect new interesting material, that cannot be found from one year to the other. We want to publish the lectzres of each congress, and we thought it wise to limit the number of the conferences in order present new and good information in every issue. The next congress is supposed to take place 1913 in The Hague, possibly at the same time as the opening of the Peace Palace.


I should not forget to mention that a photo has been taken of the participants of the Brussels' international conference. This picture will remain a pleasant memory for many of us. You can order it from Dr. Nyssens, 60 rue drapiers, Brussels, as well as the book with all conference speeches, as soon as it will be printed.

 

This beautiful journey ended for me with a visit of the Belgian coast and afterwards a stay with some friends in the Rhineland. Certainly you will see the success of this journey in due time. The vegetarians showed once again that they are present, that they do not hide themselves, when the whole world meets, that they as modern people of their time know how to find the right time and the right place to make themselves conspicuous. Of course the press there in Brussels did notice us. The newspapers of Brussels showed their interest with long, extremely friendly reports. I myself was allowed to write the report for a German weekly paper appearing in Brussels, which is generally used by the German press as source for Belgian and Dutch reports.
Dr. Selß

Vegetarische Warte, June 25, 1910, issue 13, page 129-130)


Opening speech of the International Vegetarian Congress at Brussels
hold by Professor Dr. Huchard from Paris.
Translated from the June issue of the "Réforme alimentaire" by senior teacher Dr. G. Schläger


Opening the Third International VegetarianCongress today, it is my first task, to welcome the participants of all countries and to thank the members of the organising committee for the great and somehow undeserved honour to be appointed honorary chairman. They might have found a stricter and perhaps older vegetarian among you all, and of course a more important personality. Nevertheless, as you did me the honour, you wanted to appreciate without a doubt an always active good will, a sincere loyalty to old convictions, that come out of 1883 and particularly of 1885, since my first works on arteriosclerosis. Then you probably wanted to honour the Frenchman in this hospitable country with French language, in memory of the fact that from France the first voice came up in favour of vegetarianism by the edition of the "Thalysie" and the other works by Gleizès in the years 1773 and 1843.


Without going back to Pythagoras and the old times, what seems unnecessary, since everything has been said already often enough about the history of vegetarianism, I want to tell you another story, the story of my personal conversion to the ideas, which you, too, represent here and today.


Since a long time, since the beginning of my medical studies in the year 1864, I had attributed the long life span of my grandparents to their almost exclusively vegetarian way of life, because they had meat only twice a year, at name days and patriotic holidays. At that time however it was only a simple impression without a scientific character. In 1883 and particularly in 1885 this idea assumed concrete forms, when I discovered by numerous observations during my researches on the main causes of arteriosclerosis that frequent and excessive meat consumtion was one of them.


When I found a very important symptom during the illness , i.e. the difficulty in breathing, whose true cause was completely unknown, then I discovered that the application of a pure milk diet or a lactovegetarian diet made the breathing complaints disappear completely and fast. I first called it "difficulty in breathing by self poisoning", and later "difficulty in breathing by food poisoning", which expression is now generally accepted. Finally I turned nutrition into the basic treatment of the aneurysm, a preliminary stage of the arteriosclerosis, and of the arteriosclerosis itself.


Everything was clearly demonstrated, because the treatment surprisingly proved the clinical observation. But nevertheless contradiction arose, and some passionate experimenters fed animals with more or less spoiled meat, without producing atheromatous or arteriosclerotic changes in some weeks or months. They concluded a little too hastily that our opinions about the cause of the disease were wrong. Their experiences are void, they are without any value, because they do not correspond with the clinical findings, which show that in these cases the food poisoning must take place slowly and continuously during a large number of years. This circumstance proves that the arbitrarily forced observations (observations provoquées), as Claude Berne called them, in order to characterize these experiments, sometimes must stay behind the free observations of the hospital.


The proof is supplied, and the arteriosclerosis, of which we speak much, even a little too much, is often due to nutritional mistakes, and the relation to the swelling of joints and gout particularly caused by immoderateness, explains itself.


In 1891 I published an essay in a non medical paper on the "Fundamentals of the food hygiene", and in my "Consultations médicales", whose first edition appeared in 1900, about forty pages are dedicated to the study of the following questions under the same title and in the same spirit:
1. Poisoning by meat consumtion
2. Diseases by excessive meat consumtion
3. Relations between nutrition and muscular strength
4. Relations between nutrition and mental work
5. Longevity of humans due to a vegetarian way of life
6. Influence of the way of life on the morality
7. Influence of the way of life on artistic feeling


This is the simple history of my conversion, or strictly speaking of my development.

With you all I repeat, that it is not only a medical, but also a social question. It concerns the life of humans; it does not concern only the material, mental or moral life of a single people, but also that of the whole mankind. Thus it crosses the national borders and is really international, like this congress and its predecessors, as it is also proved by the union of the vegetarian societies of Europe, the International Vegetarian Union. The fight for vegetarism is also the fight against alcoholism, this scourge of the more recent time, and in a book of Edouard Roux, which is not estimated enough (Manual of hygiene and vegetarianism. Dangers by the consumtion of animal meat. Lausanne 1881), it is implemented and proved that an excessive meat consumtion leads to an immoderation in drinking, to dissipations of all kinds. Even our old historian Mézerai openly confessed in the 17. century that his gout is due to Bacchus and Venus.

The immoderation damages body and spirit, the physical, moral and mental capacities of the individual, it shortens the duration of the human life considerably, which is not short actually; only we shorten it: "Non accepimus brevem vitam, sed facimus", Seneca said. In his "Traité des aliments" of 1702 Louis Lémery claims that our fathers, who consumed mostly plant food, were far better off and lived longer as we do. In the 17. century Lancisi, who is never quoted, had written "Quale est alimentum, talis est chylus; qualis chylus, talis sanguis; qualis tandem sanguis, tales sunt spiritus".



Your work, our work, has considerable consequences. Unfortunately its realisation will require still many years, because you have to fight with persistent prejudices and mistakes, because you particularly emphasize hygiene, which is virtue and will at the same time; it is difficult to make clear that you should not confound the appetite of the palate with that of the stomach, that meat is not a tonic, but an excitant is with mental effects.


An approach is made though, and after I proved that you add a food poisoning by meat consumption in the evening to the decontamination by the sleep, I had the pleasure to see that this opinion is completely accepted and obeyed not only by the physicians, but particularly also by the non medical world. Because the number of the people, who avoid meat in each form for dinner, has considerably grown up to now. This is a progress already. And further: On this congress it will be proved again that the vegetarian nutrition must be the preferred treatment of tuberkulosis. You should be pleased about the progress already achieved, try to win slowly and gradually the spirits and avoid exaggerations, which may damage the best cause.

 

You still have to fulfill great tasks, and if anything is able to support you, encourage you, strengthen you in the fight, then it is the feeling of the duty, the conviction of the great services, that you render the whole mankind, by teaching, what is the most important cause in the life: the right art of living.


After these last words, which are like a motto for us, I have the honour to declare the 3. International Vegetarian Congress opened, and I want to express my thanks to all promoters of our work, well-known or unknown, as well to the representatives of the vegetarian associations, the chairmen of our four departments, who probably are known for their work and their eagerness, Dr. Nyssens from Brussels, the editor of the "Réforme alimentaire" and chairmen of the Belgian vegetarian association, Dr. Jules Grand, the chairman of the vegetarian association of France, Mr. Axon, the chairman of the vegetarian society of Manchester, Professor Woeikof, the chairman of the vegetarian association of Petersburg, Dr. Selss, the chairman of the German vegetarian federation, Mr. Rodriguez from Spain, Mrs. Drakoules from Greece, Mr. Meyroos from Holland, Mrs. L Lombard from Sweden, all convinced, devoted, courageous advocates of a noble cause, which they want to defend until the final victory!

(Vegetarische Warte, August 20, 1910, issue 17, page 167-168)