Internationale Vegetarier-Union (IVU)
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38. IVU-Welt-Vegetarier-Kongress

Dresden, Deutschland
100 YEARS OF FOOD REVOLUTION
Sonntag 27. Juli - Sonntag 3. August 2008

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EVU


Warum Dresden?
von John Davis, IVU-Webmaster und Historiker

Der erste IVU-Kongress fand im Jahre 1908 in Dresden, Deutschland, statt. Da uns als Austragungsort dieses Kongresses für die damalige Zeit nicht sofort Dresden in den Sinn gekommen wäre, lesen Sie im Folgenden einiges darüber, wie dies zustande kam.

Nach Angaben des Vegetarier-Bund Deutschlands e.V. (Ausgabe Mai/Juni 1992 von Der Vegetarier) wurde die erste vegetarische Gesellschaft in Dresden im Jahre 1881 gegründet und ein paar Jahre später wurde der Vorsitz von Georg Förster übernommen. Es gab zu dieser Zeit in dieser Stadt noch weitere Aktivitäten, wie der folgende Auszug aus The Vegetable Passion von Janet Barkas (New York, 1975), zeigt:


Dr. Heinrich Lahmann (1860-1905) und sein Sanatorium bei Dresden

Eine weitere einflussreiche Person in diesen frühen Tagen der Bewegung war Dr. Heinrich Lahmann ... Lahmann führte viele Krankheiten auf ein zu großes Vertrauen in Fleisch und unnatürliche Heilmethoden zurück. Als einer der ersten deutschen Ärzte, der natürliche Heilmethoden praktizierte, bezeichnete er Tiere als seine Geschwister und lehnte es ab, sie für seine Experimente zu benutzen. Stattdessen benutzte er sich selbst als Versuchskaninchen. In seiner Therapie spielten Obst und Gemüse sowie frische Luft eine große Rolle. Dem Wasser sprach er stärkende Wirkungskräfte zu, und er empfahl lockere und durchlässige Kleidung zur freien Luftzirkulation. Um Produkte anzubieten, die aus seinen progressiven Ideen resultierten, entwarf er Schuhe, Stiefel und Bekleidung für jedes Alter. Er empfahl auch Kissen, die anstelle von Federn mit Pflanzen gefüllt waren. Lahmanns wichtigste Bücher zu diesen Themen waren Die naturgemäße Gesundheitspflege und die Naturheilkunde und Die diätetische Blutentmischung (Dysämie), worin er eine richtige Zusammensetzung des Blutes empfahl, die durch eine ruhige, spirituelle Lebensweise, Bädern an der frischen Luft und Saunabädern erreicht werden konnte. Sein Sanatorium rief viel Begeisterung hervor, und um die Jahrhundertwende gründete er eine vegetarische Gesellschaft in Dresden.

Ms. Barkas' Schlussbemerkung stimmt nicht ganz mit den jüngeren Forschungen des VEBU überein. Entweder ist hier eine weitere Gesellschaft gemeint oder, was wahrscheinlicher ist, ordnete sie dies falsch ein. (Anmerkung: Ich habe nirgends einen Hinweis finden können, dass Lahmann einen Vegetarierverein in Dresden gegründet hat, H. Scholvien).

In einem Artikel für The Vegetarian Messenger (Journal der Vegetarischen Gesellschaft, Manchester, England) vom Dezember 1908, bezieht sich Herr J. Arthur Gill auf "vier vegetarische Restaurants" in Dresden, was ein recht großes lokales Interesse am Vegetarismus vermuten lässt. Der offiziellen Internetseite für die Stadt Dresden (www.dresden.de) ist zu entnehmen, dass Dresden im Jahre 1900 die viertgrößte Stadt des Deutschen Reiches war, und ein wichtiges Zentrum für kulturelle Aktivitäten.

Die internationale Szene

Die erste vegetarische Gesellschaft wurde im Jahre 1847 in England gegründet, mit Sitz in Manchester, wo auch heute noch der Hauptsitz ist. Bald darauf wurde im Jahre 1850 in New York die American Vegetarian Society gegründet.

Der erste deutsche vegetarische Verein wurde 1867 in Nordhausen gegründet, gefolgt von einem Verein in Stuttgart im Jahre 1868 sowie in Berlin im Jahre 1879. Im Jahre 1888 besuchte ein Vorsitzender der deutschen Vegetarier Großbritannien, wo es nun viele lokale vegetarische Gesellschaften gab, und schlug einen Internationalen Kongress aller britischen und deutschen Gruppen vor. Dieser wurde im September 1889 in Köln ausgetragen und wurde zum ersten internationalen Zusammentreffen von Vegetariern in der Geschichte.

Einige der britischen Gruppen hatten begonnen, aus den lokalen britischen Gesellschaften eine Vegetarische Union zu formieren, und als Folge des Kongresses in Köln erklärten sie, dass diese Union als Vegetarian Federal Union (VFU) die ganze Welt abdecken würde - ohne jedoch den Rest der Welt zu fragen, ob er sich einer solchen Sache anschließen würde. Gruppen in anderen englischsprachigen Ländern, darunter USA, Australien und Irland, antworteten schnell, doch die Deutschen waren nicht so beeindruckt. 1892 wurde der Deutsche Vegetarier-Bund (DVB) gegründet, ein Zusammenschluss von zwei lokalen Gesellschaften. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war der DVB eine Art Mitglied in der VFU mit Sitz in London, es gab jedoch nie eine bedeutendes Engagement.

Zu dieser Zeit begannen auch die französischsprachigen Vegetarier sich in Gruppen zusammenzuschließen, und die neu gegründeten französischen und belgischen Gesellschaften veröffentlichten ein gemeinsames Magazin für alle Frankophilen. Sie hatten auch Kontakte zur VFU und überredeten schließlich die Briten, den jährlichen Kongress im Jahre 1900 in Paris auszutragen (alle anderen hatten in London stattgefunden, bis auf Chicago im Jahre 1893). Es wurde dann vereinbart, wie einige dachten, den nächsten VFU-Kongress 1901 in Brüssel abzuhalten, aber die Londoner ignorierten dies und gingen dazu über, den nächsten Kongress wie gewohnt in London publik zu machen. Daraufhin wurde argumentiert, dass die Vegetarische Gesellschaft mit Ursprung in Manchester die Europäer vom Kontinent unterstütze, was das Ende der internationalen Bestrebungen der VFU bedeutete.

In den nächsten Jahren gab es Diskussionen über die Gründung einer demokratischeren internationalen Vegetarier-Union, an der alle Länder gleichen Anteil hätten. Dies wurde am zielstrebigsten vom stellvertretenden Vorsitzenden der Französischen Vegetarischen Gesellschaft, Herrn Dr. Danjou, vorangetrieben, der über diese Idee in verschiedenen europäischen Ländern sprach.

Im Jahre 1907 feierte die Vegetarische Gesellschaft in Manchester ihr diamantenes Jubiläum (60 Jahre) und lud die Vorsitzenden aller bekannten vegetarischen Gesellschaften zu einem internationalen Zusammentreffen ein. Herr Danjou war auch dort und trug wieder sein Anliegen, die Gründung einer internationalen Vegetarier-Union, vor, wobei er diesmal vorschlug, dass die "Muttergesellschaft" zur Organisation eines Treffens die Initiative ergreifen solle. Dies wurde sofort von Herrn Albert Broadbent, dem Sekretär der Vegetarischen Gesellschaft (Manchester), aufgegriffen.

Warum also Dresden?

Die einfachste Möglichkeit für Herrn Broadbent wäre gewesen, ein weiteres Treffen in Manchester zu organisieren, aber die VFU war zögerlich und Herr Broadbent wusste sehr wohl, dass die Europäer einer größeren britischen Dominanz skeptisch gegenüber standen.

Die Lösung kam sehr wahrscheinlich von Herrn J. Arthur Gill, Sekretär der Friends (Quakers) Vegetarian Society - und ein begeisterter Esperantist - der an der diamantenen Jubiliäumsfeier teilnahm. Vegetarier und Esperantisten hatten viel gemeinsam zu einer Zeit, da Europa größtenteils durch Sprachbarrieren getrennt war und beide Gruppen ein Interesse an Gemeinschaft hatten. Es war Herr Gill, der Herrn Broadbent gegenüber erwähnte, dass die Esperantisten im kommenden Jahr ihre jährliche Konferenz in Dresden abhielten, was auch bedeutete, dass viele Vegetarier in der Stadt sein würden. Sie wussten auch von der Vegetarischen Gesellschaft Dresden, der Naturheilklinik und den vier vegetarischen Restaurants.

Dies war die ideale politische Lösung: ein Vegetarier-Kongress, der von den Franzosen vorgeschlagen, von den Briten organisiert und in Deutschland abgehalten wurde. Herr Broadbent schrieb sehr bald alle Vegetarischen Gesellschaften weltweit an und lud sie zu einem Treffen am 18. August 1908 in Dresden ein, während der Woche der Esperanto-Konferenz.

Die Vegetarische Gesellschaft Dresden, deren Sekretär noch immer Georg Förster war, organisierte begeistert das Ereignis und stellte für diejenigen, die die Reise machen konnten, Unterkünfte zur Verfügung. Schließlich waren nur die deutschen, britischen und niederländischen Gesellschaften anwesend, zusammen mit einigen Regionalen und Esperantisten, aber Gruppen aus 14 weiteren Ländern schickten ihre Glückwünsche. Während des Treffens nahmen sie die Bezeichnung Internationale Vegetarier-Union (IVU) an.

Ein Klick auf das rechte Foto vergrößert das Bild der Kongressvertreter (öffnet ein neues Fenster). Albert Broadbent ist der große Mann links von der Mitte in der weißen Weste, hinter dem Schreibtisch. Der Mann rechts von der Mitte, vor dem Schreibtisch, ist wahrscheinlich Dr. Selss, Präsident des Deutschen Vegetarier-Bundes, und wir glauben, dass Georg und Martha Förster die 3. bzw. 2. von rechts im Hintergrund sind (Foto vom DVB Magazin 1908).

In derselben Woche wurde die International Union of Esperantist Vegetarians gegründet - die heute noch als TEVA (Tutmonda Esperantista Vegetarana Asocio) aktiv und Mitglied in der IVU ist.


Oben: Zinzendorfstraße und das Hygiene-Museum
Unten: Zinzendorfstraße und das Kongress-Zentrum 2008

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Deutsche Übersetzung von Tanja Paasche