International Vegetarian Union (IVU)
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32nd World Vegetarian Congress 1996
Johnstown, PA, USA

Zum Fleischesser wird man nicht geboren, sondern gemacht
EVU News, Issue 3 / 1996

image: Atwood
Charles R. Attwood, M.D., F.A.A.P., Kinderarzt aus Crowley, Louisiana, USA, ist der Autor des Burchs "Dr. Attwood's Low-Fat Prescription For Kids" (Penguin Verlag). Darin wird eine einzige Ernährungsform für die gesamte Familie dargelegt.. Dr. Attwood schreibt regelmäßig Beiträge für "New Century Nutrition". Seine neue Hörbuchserie, "The Gold Standard Diet" wird von, Knowledge Products herausgegeben. (Informationen (USA) unter der Nummer 1-888-TOP DIET)

"Ich bin ja so froh, daß ich keinen Spargel mag." sagte das kleine Mädchen. "Wenn ich Spargel nämlich mögen würde, müßte ich ihn schließlich essen und das wäre ganz und gar unerträglich!" Dieses Zitat (sinngemäß, Anm. d. Übs.) aus einem Buch von Lewis Carroll, dem britischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, illustriert, daß die Vorlieben von Kindern in Bezug auf Nahrungsmittel mehr von ihren (erlernten) Erwartungen abhängen, als von ihrem eigenen Geschmack. Die Tatsache, daß der Gefallen am Geschmack von Fleisch und Milchprodukten beim Menschen nicht genetisch vorbestimmt ist, überrascht die meisten Familien, die in meine Klinik kommen.

Virginia, Mutter von zwei Jungen im Teenager-Alter, kam eines Tages völlig verwirrt in meine Praxis. Wie so viele Eltern, mit denen ich zu tun habe, glaubte sie, daß der Gefallen am Geschmack von Fleisch, sehr fetthaltigen Milchprodukten und süßem Gebäck angeboren sei und daher zwangsläufig eine lebenslange Last darstellen müsse. "Ich dachte, das wäre ganz natürlich." sagte sie. "Schließlich stopfen sich auch alle Freunde meiner Kinder ständig mit Pizza, Hamburgern und Pommes voll." Kopfschüttelnd fügte sie hinzu "Und außerdem: Mein Mann würde eingehen ohne Steak und Hähnchen!" Wie so viele andere Ehefrauen und Mütter glaubte sie, daß es völlig aussichtslos wäre, zu versuchen, die Eßgewohnheiten ihrer Familie zu ändern.

Falsch. Ich erklärte ihr, daß auch ihre Familie den Appetit auf Fleisch und andere tierische Produkte in sehr jungem Alter erlernt hatte und nicht damit geboren wurde. Ganz gleich, wie genau man die menschliche Zunge untersucht: es gibt keine Geschmacksknospen für Fett, es gibt nur solche für süßen, sauren, salzigen und bitteren Geschmack. Der Geschmack an fettigem Essen ist erlernt, er entsteht aus einer Kombination aus dem Geruch dieser Nahrungsmittel und ihrer geschmeidigen Konsistenz.

Von Butter und Speiseeis sagt man beispielsweise, daß sie auf der Zunge "zergehen". Häufig wird Fett mit raffiniertem Zucker kombiniert, um das Fett "schmackhafter" zu machen und so die Verkaufszahlen zu erhöhen. Diese Kombination findet man in Desserts, süßem Gebäck, Süßigkeiten, Keksen und fast allen verpackten Snacks. All diese Nahrungsmittel haben eines gemeinsam: Sie enthalten extrem viel fett, werden jedoch als "Süßigkeiten" bezeichnet.

Im Wesentlichen ist der Appetit auf Fett nur eine konditionierte Gewohnheit. Nur allzu oft werden Kindern extrem fetthaltige Lebensmittel oder Süßigkeiten als Belohnung für 'Bravsein' gegeben. Dr. Leann Birch vom Child Development Laboratory (Studienzentrum für Entwicklung des Kindes) der University of Illinois hat festgestellt, daß in den westlichen Ländern kleine Kinder geradezu zum Appetit auf tierische Nahrungsmittel erzogen werden. Nahezu täglich hört man von Eltern Sätze wie "Du bekommst ein Eis, wenn du brav deinen Spinat aufißt!" Blitzschnell folgern Kinder daraus, daß Spinat wohl die Strafe sein muß, wenn das Eis die Belohnung ist. Im Gegensatz dazu reagieren Kinder aus den ländlichen Gebieten Chinas oder Japans, die nicht auf diese Weise "konditioniert" wurden, angeekelt auf die Vorstellung, Tiere oder Nahrungsmittel tierischen Ursprungs zu essen.

Doch Virginia war immer noch nicht völlig überzeugt. "Aber wenn man den Gefallen am Geschmack von Fett bereits so gründlich erlernt hat" wollte sie wissen "wie kann ich dann bloß den Geschmack meiner Söhne ändern?" Gute Frage. Ich erklärte ihr, daß ältere Kinder und sogar Erwachsene nicht zwangsläufig ihr ganzes Leben lang mit einer Fleisch- und Milchproduktsucht leben müssen, die in der Kindheit entstanden ist. Während der 35 Jahre, die ich nun im klinischen Bereich tätig bin, habe ich erlebt, wie viele Eltern und sogar Großeltern von Kindern, die bei mir in Behandlung waren, ihre Ernährung auf pflanzliche Lebensmittel umgestellt haben. Häufig geschah dies, nachdem ich bei einem der Kinder einen hohen Cholesterinspiegel festgestellt und danach entdeckt hatte, daß die Veranlagung dazu in der Familie vorhanden war.

Klinische Studien scheinen die Erfahrungen zu bestätigen, die ich in meiner Klinik gesammelt habe - der Gefallen am Geschmack von Fett und tierischen Produkten läßt sich leicht ändern. Dr. Richard Mattes, ein Forscher am Monell Chemical Senses Center in Philadelphia, USA, berichtete 1993, daß die Lust auf fetthaltige Nahrungsmittel innerhalb von 8 bis 12 Wochen deutlich abnahm oder sogar ganz verschwand, wenn solche Lebensmittel nur noch selten verzehrt wurden. Allerdings stellte er auch fest, daß wenn sehr fetthaltige Speisen in Form von Beilagen oder Süßigkeiten weiterhin in mäßigen Mengen verzehrt wurden, der Gefallen am Geschmack von Fett weiterhin bestand.

Diese Erfahrungen werden auch durch die Forschungsergebnisse des Fred Hutchinson Cancer Research Center (Krebsforschungszentrum) in Seattle, USA, gestützt. Dort wurden 448 Frauen zu diesem Thema befragt, die an einem Programm zur Reduzierung der Fettaufnahme in der Nahrung teilnahmen. Die Mehrzahl der Frauen berichtete, daß sie während des Programms, das einige Wochen lang dauerte, den Appetit auf Fett verloren hatten. Wenn diese Frauen nach dem Ende des Programms wieder sehr fetthaltige Lebensmittel zu sich nahmen, fühlten Sie sich körperlich sehr unwohl, unabhängig davon, ob Ihnen der Appetit auf Fett vergangen war oder nicht.

Virginia und ihrer Familie gab ich mein Buch "Four Stages to an Ideal Diet" (ausführliche Informationen siehe "Nutrition Advocate", Ausgabe Dezember 1995), das sie als Richtlinie beim Einkaufen und Kochen verwenden sollten. Wenn die Familie erst einmal die dritte Stufe erreicht hat (Verzehr von Gemüse, Obst, Vollkorn und Hülsenfrüchten, nur gelegentlicher Verzehr von Fleisch und Milchprodukten), ist sie auf dem besten Weg dazu, die Lust auf Fett in den Griff zu bekommen. Und wenn sie Stufe 4 erreicht hat (keinerlei Fleisch oder Milchprodukte), werden Sie den Appetit auf fettreiche Nahrung vollkommen vertrieben haben. Hoffentlich werden Virginias Enkel diesen Übergang nicht nötig haben. Ich habe Kleinkinder auf Stufe 4 erlebt, die sich nie mit den Stufen 1 bis 3 herumschlagen mußten!

Während Kinder und gesunde Erwachsene diese langsame Ernährungsumstellung zu benötigen scheinen, können Erwachsene mit Herzkrankheiten, Schlaganfall oder anderen Krankheiten, an deren Entstehung Fett ursächlich mitbeteiligt ist, erfolgreich direkt auf Stufe 4 einsteigen. Dr. Dean Ornish hat festgestellt, daß es seinen Patienten leichter fällt, vollständig auf pflanzliche Nahrung umzusteigen, wenn sie dies plötzlich tun, ohne vorher zu versuchen, die Fettaufnahme zu verringern. Zusätzlich helfen diesen Patienten die positiven gesundheitlichen Auswirkungen dieser Ernährung: Senkung des Cholesterinspiegels, Gewichtsverlust und ein bei weitem verringertes Risiko, an Herzkrankheit oder Krebs zu sterben - Verbesserungen, die nicht vollständig erreichbar sind, wenn die Fettaufnahme nur verringert wird. Nach einem leichten Schlaganfall stellte mein guter Freund Dr. Spock im Alter von 88 Jahren vollständig auf pflanzliche Nahrung um. Heute, kurz vor Vollendung seines 93sten Lebensjahres schreibt er Bücher, hält Vorträge und reist viel - und er hat sich in seinem Leben noch nie so wohl gefühlt wie heute.

Charles Attwood, M.D. 621. N. Ave. K, Crowley, Luisiana 70526 USA



Deutsche Übersetzung von Eva Stabenow