International Vegetarian Union (IVU)
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32nd World Vegetarian Congress 1996
Johnstown, PA, USA

Milch, Kalzium und Knochendichte - eine Zwickmühle
von Dr. med. Charles R. Attwood, F.A.A.P.
Aus EVU-News, Ausgabe 4/1996

[photo: Dr. Attwood]
Dr. med. Charles R. Attwood, F.A.A.P., ein in Crowley, Louisiana, praktizierender Kinderarzt, ist Autor von "Dr. Attwood's Low-Fat Prescription For Kids" (Penguin-Verlag), einem Ernährungsplan für die ganze Familie. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "New Century Nutrition". Seine neue Audio-Serie, "The Gold Standard Diet", wird von Knowledge Products verlegt.
Wenden Sie sich an: Charles Attwood, MD, 621 N.Ave. K, Crowley, Louisiana 70526, USA

Die Mutter eines siebenjährigen Jungen reichte mir eine Nachricht des Schulernährungsberaters. "Uns ist Billys Ernährung aufgefallen", hieß es da, "weil er in der Kantine keine Milch mehr wählt." Er hatte auf meinen Rat hin seit kurzem auf Milch verzichtet, da sie sein Asthma und seinen Hautausschlag verschlimmerte. Weiter stand am Ende der Nachricht: "Milch ist für die Eiweiß- und Kalziumversorgung absolut notwendig!" Dieser letzte Satz war dick unterstrichen. Mir war gleich klar, weshalb sich Billys Mutter solche Sorgen machte, denn bei einigen älteren Mitgliedern ihrer Familie gab es immer wieder Fälle von Osteoporose.

Mit diesem Dilemma sehen sich am häufigsten Familien konfrontiert, die versuchen, den Anteil an gesättigten Fetten und tierischem Eiweiß in ihrer Ernährung zu reduzieren. Sie haben gelesen, daß beides das Risiko von Herzerkrankungen und bestimmten Krebsformen vergrößern kann, machen sich aber Gedanken um die Kalziumversorgung und Knochendichte, wenn auf Milch, den Hauptlieferanten von gesättigten Fetten für Kinder, verzichtet wird. Häufig beruhige ich besorgte Eltern, daß bis zum Alter von drei Jahren leichte O-Beine bei Kindern normal und nicht auf Kalziummangel oder Rachitis zurückzuführen sind. Zahnverfall in der frühen Kindheit bereitet dieselben Sorgen, ist aber ironischerweise zum Teil auf das häufige Baden der Zähne in Milch zurückzuführen, und nicht auf Kalziummangel.

Warum ist diese geradezu krankhafte Furcht bei Amerikanern [und Europäern - d. Red.] so verbreitet? Der Mythos um Milch, Kalzium und Knochendichte wurde durch die intensive Lobbyarbeit der Milchwirtschaft während der Lebenszeit der meisten heute lebenden Erwachsenen in die Welt gesetzt und aufrechterhalten. In Kindergarten und Grundschule wurden die meisten Lehrmittel für Ernährungserziehung vom American Dairy Council, dem amerikanischen Verband der Milchwirtschaft, gestellt. Infolgedessen sind die meisten Eltern, Lehrer, Ärzte, Anwälte, Richter und besonders auch Kongreßabgeordnete mit der vorgefaßten Meinung aufgewachsen, Milch stelle für Kinder und Erwachsene ein notwendiges und gesundes Nahrungsmittel dar. Die wirksamste Maßnahme in der Kampagne des Verbandes bestand darin, einen Zusammenhang zwischen Milch, Kalzium und der Knochendichte herzustellen.

Um den Verbraucher weiter zu verwirren, hat man Milch und Kleinkindrezepturen mit Vitamin D angereichert, welches für die einwandfreie Verwertung von Kalzium notwendig ist. Auch durch den Verzehr von Sardinen, Hering, Lachs, Thunfisch, Eigelb und Fischölen kann die Zufuhr von Vitamin D erfolgen. Allerdings ist nichts davon notwendig, da es bereits in ausreichender Menge produziert wird, wenn der Körper dreimal pro Woche nur 10 - 15 Minuten der Sonne ausgesetzt ist. Bei Kindern, die nicht an die Sonne kommen - beispielsweise bei Schwerbehinderten -, läßt sich Rachitis durch eine zusätzliche Vitamin-D-Gabe verhindern, wenn die Eltern ihnen keine angereicherte Milch geben wollen.

Der tatsächliche Zusammenhang zwischen Milch und kräftigen Knochen sieht etwas anders aus als das, was uns die Milchindustrie in all den Jahren erzählt hat. Das Kalziumgleichgewicht, das Verhältnis zwischen Zufuhr und Verlust des Mineralstoffes, bestimmt die Knochendichte, und zwar größtenteils während der Kindheit und dem Heranwachsen. Eine gute Knochendichte, die im Alter von 18 Jahren erreicht wurde, hält bei Menschen, die sich ausgewogen auf Pflanzenbasis ernähren und körperlich aktiv bleiben, in der Regel ein Leben lang. Milch und andere Milchprodukte sind zwar reich an Kalzium, enthalten aber auch viel tierisches Eiweiß, von dem man inzwischen weiß, daß es einen Kalziumverlust durch den Harntrakt bewirkt. 1994 kam eine Konferenz der National Institutes of Health zum Ergebnis, daß das Kalziumgleichgewicht und die Knochendichte zu mindestens 30 Prozent vom Verhältnis Zufuhr/Verlust und nicht allein von der Kalziumaufnahme abhängen. Einem 1986 erschienenen Bericht der Zeitschrift Science zufolge mehren sich die Hinweise dafür, daß die Kalziumzufuhr (für sich betrachtet) in keinem Zusammenhang mit der Knochendichte steht.

Das erklärt vielleicht auch, weshalb es in Ländern mit dem höchsten Milchverbrauch auch die meisten Fälle von Osteoporose gibt. Zwar gibt es Ausnahmen, aber der entscheidende Faktor scheint oft der hohe Eiweißkonsum bei Bevölkerungsgruppen zu sein, die sehr hohe Kalziumdosen benötigen. Beispielsweise beträgt die empfohlene Tagesdosis an Kalzium in den Vereinigten Staaten bis zu 1 200 mg täglich. Das ist viel mehr als die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation von 500 mg für Kinder und 800 mg für Erwachsene. In Gegenden der Welt, wo die Nahrung nur sehr wenig Eiweiß enthält, ist auch die jeweils empfohlene Tagesdosis niedrig. So beträgt die empfohlene Tagesmenge an Kalzium in Thailand für alle Altersgruppen nur 400 mg. Ältere Bantu-Frauen in Südafrika, die sich sehr eiweißarm ernähren (50 Gramm täglich, verglichen mit den 91 Gramm der Amerikaner) und nur 450 mg Kalzium täglich aufnehmen, kennen keine Osteoporose, trotz des Kalziumverlustes durch das Stillen von durchschnittlich 10 Kindern. Andererseits findet sich bei den Eskimos, die sich durch Fisch sehr eiweißreich ernähren (250 - 400 Gramm) und deren tägliche Kalziumzufuhr über 2 000 mg beträgt, die höchste Osteoporose-Rate der Welt!

Kalzium in Milligramm pro 100 Kalorien
Senfkohl 1 300
Brunnenkresse 800
Steckrübenblätter 650
Grünkohl 548
Senfblätter 490
Spinat 450
Brokkoli 387
Schweizer Käse 250
Fettarme Milch 245
Grüne Zwiebeln 240
Okra 213
Kohl 196
Vollmilch 190
Cheddarkäse 179
Amerik. Käse 160

Betrachten wir Milch und Milchprodukte in ihrer Funktion als Kalziumlieferanten nun einmal auf andere Weise, und zwar ohne Berücksichtigung ihres Eiweißgehaltes. Wenn man den Kalziumgehalt in Milligramm pro 100 Kalorien und nicht pro Gramm angibt, finden sich Milch und Käse am Ende der Liste und Grüngemüse an der Spitze (siehe Tabelle).

Auf den ersten Blick könnte man zu folgendem Schluß kommen: "Aber dann müßte ich ja so viel mehr Spinat oder Grünkohl essen, um genug Kalzium zu bekommen." Das stimmt aber nicht. Personen mit pflanzlicher Ernährung nehmen im allgemeinen genauso viele Kalorien zu sich wie Esser von Fleisch und Milchprodukten. Mit anderen Worten: Gemüse, in der richtigen Menge verzehrt, ist ein BESSERER KALZIUMLIEFERANT ALS MILCH UND KÄSE. Bedenken Sie außerdem, daß eine Tasse Brokkoli ungefähr dieselbe Menge Kalzium wie eine Tasse Milch enthält. Doch warten Sie!

Hat man uns nicht erzählt, daß viele Sorten Grüngemüse Oxalsäure enthalten, die die Aufnahme des darin enthaltenen Kalziums vermindert? Auch dies wurde von der Milchlobby übertrieben. Ein 1990 im American Journal of Clinical Nutrition erschienener Bericht kam zum Schluß, daß Grüngemüsesorten wie Brokkoli oder Grünkohl einen hohen Kalziumgehalt haben, der mindestens genauso gut wie derjenige in der Milch aufgenommen wird. Ein hervorragendes Kalziumgleichgewicht läßt sich bei milchloser Ernährung leicht erreichen, da ALLE Gemüsesorten und Hülsenfrüchte Kalzium enthalten - zusammengenommen ist das mehr als ausreichend. Dieses Kalzium verbleibt in den Knochen, anders als das aus den Erzeugnissen mit hohem Eiweißgehalt.

Nun wird allmählich einiges klar. In Kulturen, in denen das meiste Eiweiß verzehrt wird, ist die für eine gute Knochendichte erforderliche Kalziummenge ohne zusätzliche Gaben möglicherweise UNERREICHBAR hoch - eine klassische Zwickmühle. Doch für den größten Teil der Weltbevölkerung und bei denen, die sich in westlichen Ländern auf Pflanzenbasis ernähren, lassen sich die für eine normale Knochendichte nötigen Kalziummengen leicht ohne Milch oder andere Milchprodukte erreichen. Milch, so scheint klar zu sein, ist nicht die Lösung für das Übel schlechter Knochendichte. Möglicherweise ist sie Teil des Problems.


Deutsche Übersetzung von Marcel Fischer