International Vegetarian Union (IVU)
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32nd World Vegetarian Congress 1996
Johnstown, PA, USA

Bericht aus Polen
EVU News, Heft 3 / 1996

image:Chrystyna

Auf dem Weg zum World Vegetarian Congress wurde Krysztyna Chomicz-Jung aus Polen in Harrisburg von einem Verbrecher brutal zusammengeschlagen. Daher mußte sie einige Zeit im Krankenhaus verbringen und konnte nicht am IVU-Kongreß in Johnstown teilnehmen. Diese traurige Tatsache hat die Aufmerksamkeit auf den World Vegetarian Congress gelenkt und diesem einen traurigen Ruhm eingebracht. Ich freue mich, Ihnen heute mitteilen zu können, daß Krysztyna sich vermutlich dank ihrer gesunden Ernährung schnell erholt und bereits aus dem Krankenhaus entlassen wurde. An dieser Stelle sei all denen, die Krysztyna mit Spenden, Geschenken, Briefen und Besuchen geholfen haben, ein herzliches Dankeschön ausgesprochen. Wir alle wünschen ihr alles Gute.

Krysztynas Freundin hatte sich erboten, Krysztynas Bericht über die Lage des Vegetarismus in Polen vorzutragen. (Sigrid De Leo)

Vegetarismus in Polen heute

Allgemein wird Vegetariern von der polnischen Bevölkerung, der Regierung und der Kirche in unserem kulturell sehr konservativen römisch-katholischen Land nur wenig Toleranz und Verständnis entgegengebracht. Es gibt keine Statistiken über die Anzahl oder Gesundheit von Vegetariern und es gibt keine Gesetze in Polen, die verhindern, daß Vegetarier in Krankenhäusern, Gefängnissen, Universitäten, anderen Einrichtungen oder beim Militärdienst zum Verzehr von Fleisch gezwungen werden. Die Vegetarische Gesellschaft Polens hat daher alle Hände voll zu tun. Dank der politischen Liberalisierung gab es jedoch einige Entwicklungen, die uns Hoffnung schöpfen lassen. Wir hoffen daher auf bessere und schnellere Fortschritte des Vegetarismus in Polen in der Zukunft.

Um die aktuelle Lage verstehen zu können, muß man sich ein wenig mit der Geschichte vertraut machen. Vor dem zweiten Weltkrieg assoziierte die öffentliche Meinung den Vegetarismus häufig mit einem Interesse an östlicher Philosophie. Daher betrachtete man diese Menschen als exzentrische Randgruppe, die einem seltsamen oder esoterischen Glauben folgten. Dennoch gab es in Polen eine Anzahl vegetarischer Restaurants und der Vegetarismus konnte frei verbreitet werden.

Nach dem Krieg, zur Zeit des Stalinismus, wurden Vegetarier als subversiv betrachtet und sogar das Wort Vegetarier durfte in den Medien nicht erwähnt werden. Es konnten keine vegetarischen Schriften verbreitet werden und Vegetarier waren gezwungen, sich privat oder gar im Geheimen zu treffen. So kam eine starke Feindseligkeit seitens des Staates zu der negativen Meinung der Kirche und der Bevölkerung hinzu. Verständlicherweise konnte die Sache des Vegetarismus während dieser Zeit kaum Erfolge verbuchen.

Trotz all dieser Widrigkeiten arbeiteten äußerst engagierte Menschen weiterhin für die Sache des Vegetarismus. Blazej Wlodarz setzte sich für eine rein vegetarische Ernährung ein und veröffentlichte im Jahr 1949 trotz der vorherrschenden Meinung sein Buch "Die fleischlose Küche". Gegen Ende seines Lebens lebte er fast wie ein Eremit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Warschau. Vegetarier von nah und fern besuchten ihn und bei seinem Tod hinterließ er seinem Enkel eine riesige Sammlung an Material über den Vegetarismus und verwandte Themen. Die enorme Aufgabe, diese Materialien zu katalogisieren, ist immer noch nicht vollbracht, da diese eine riesige Arbeitsleistung für Freiwillige darstellt.

Makary Sieradzki war neun Jahre lang unter dem stalinistischen Regime politischer Gefangener. Als er im Alter von 56 Jahren endlich entlassen wurde, war er gesundheitlich völlig am Ende. Durch vegetarische Ernährung und Yoga gelang es ihm jedoch, seine Gesundheit wiederzuerlangen. Bis zu seinem Tod im Alter von 92 Jahren (er kam bei einem Autounfall ums Leben) blieb er ein aktiver und engagierter Vegetarier. Wie unsere Freundin Helen Nearing in den Vereinigten Staaten erfreute er sich bis zu seinem Tode bester Gesundheit.

In den siebziger Jahren durfte man zwar wieder vom Vegetarismus sprechen und es gab sogar einige Veröffentlichungen zum Thema, doch es war immer noch nicht möglich, eine offizielle Vegetarische Gesellschaft zu gründen. Im Jahr 1978 gründete Halina Tarasova, eine begnadete Linguistin und Mathematikerin, die sich auch weiterhin für den Vegetarismus eingesetzt hat und heute 64 Jahre alt ist, die erste Vegetarische Gesellschaft in Olsztyn in Form eines Clubs.

In den achtziger Jahren machte die Solidarnosc-Bewegung den Weg für neue Initiativen frei und in Warschau wurde die Vegetarische Gesellschaft Polens gegründet. Diese Gesellschaft wurde im Jahr 1981 offiziell eingetragen, konnte jedoch nur in der Gegend um Warschau aktiv werden, obwohl ihr Mitglieder aus ganz Polen angehörten. In dieser Anfangszeit waren zwei bedeutende Mitglieder Emilia Jakubowska, eine Mitgründerin der Gesellschaft, und Kazimiera Chromics, mein Vater, der von 1981 bis zu seinem Tod im Jahr 1990 im Alter von 87 Jahren Präsident der Gesellschaft war.

Mit der Veränderung des politischen Klimas hat sich die Atmosphäre für Vegetarier ein wenig gebessert, doch es gibt immer noch weit verbreitete Vorurteile. Beispielsweise spricht ein bekannter Fernsehjournalist in seinem kürzlich veröffentlichten Buch mit genereller Verachtung von Vegetariern, religiösen Gruppierungen, Kommunisten, Feministinnen, HIV-Infizierten und anderen Minderheiten. Schon das Wort "Vegetarier" scheint eine negative Konnotation zu haben. Die einzige Möglichkeit, sich ein gewisses Maß an Akzeptanz zu sichern, ist es, von einer "fleischlosen Ernährung" zu sprechen. Dies wirkt dann eher wie etwas, das einem vom Arzt verordnet wurde, statt wie ein Spleen irgendeines exzentrischen und subversiven Einzelnen.

Angesichts all dieser Tatsachen ist der Bedarf an einer starken Vegetarischen Gesellschaft ganz offensichtlich - ich glaube, auch die Schwierigkeiten, mit denen die Vegetarische Gesellschaft in Polen zu kämpfen hat, sind recht klar geworden.

In der Vergangenheit war die Einstellung der katholischen Kirche zum Vegetarismus äußerst feindselig. Vegetarier wurden fast als Ketzer betrachtet. Seit kurzer Zeit gibt es jedoch Initiativen, die Menschen durch Fasten und eine aus Obst und Gemüse bestehende Diät heilen wollen. Diese Programme beginnen mit einem dreitägigen Seminar weit ab vom Alltag. Während dieser drei Tage wird unter Aufsicht eines Pfarrers und der Ärztin Dr. Ewa Dabrowska, Autorin des Buchs "A Return to Nutritional Health" (Zurück zur Gesundheit durch gesunde Ernährung), gefastet. Danach nehmen die Teilnehmer sechs Wochen lang nichts als Obst und Gemüse zu sich. Dieser Abschnitt wird als Bestandteil des Fastens betrachtet. Nach diesen sechs Wochen sollen sich die Menschen rein vegetarisch ernähren. Diese Programme konnten einigen Erfolg verbuchen. Meine Mitautorin, Wanda Stojanowska, hat an einem dieser Programme teilgenommen, doch diese sind immer noch nicht allgemein bekannt und der breiten Masse nicht zugänglich. Dennoch stellen sie einen Fortschritt hinsichtlich der Akzeptanz des Vegetarismus in der polnischen Gesellschaft dar.

Wanda führt derzeit unter ihren Studenten in Warschau eine Umfrage durch, um festzustellen, welche Einstellung zum Vegetarismus heutzutage vorherrscht. Erste Ergebnisse zeigen, daß die Studenten zwar am Thema Vegetarismus interessiert sind, jedoch kaum etwas darüber wissen und sich nur schwer vorstellen können, was man anstelle von Fleisch verzehren könnte. Wir hoffen, daß die Veröffentlichung von solchen Umfragen eine Möglichkeit bietet, Wissen über den Vegetarismus zu verbreiten.

Nach und nach ändern sich die Dinge. Mit der politischen Liberalisierung und dem Abbau einiger Hindernisse für das gegenseitige Verständnis hoffen wir, viele neue Mitglieder für die Vegetarische Gesellschaft gewinnen und nach und nach die tiefgreifenden kulturellen Vorurteile abzubauen zu können, die immer noch hinsichtlich des Vegetarismus bestehen. In ihren Bemühungen zur Förderung einer vegetarischen Ernährung und eines vegetarischen Lebensstils hat die Vegetarische Gesellschaft enorme Unterstützung von der Deutsche Vegetarierunion sowie der EVU, der IVU und vielen anderen Organisationen und Einzelpersonen erfahren. In den neunziger Jahren hat es daher viele neue, vielversprechende Entwicklungen gegeben - und dies trotz der Probleme, die die Gesellschaft hatte, da sie ihren Hauptsitz und ihren Versammlungsraum nicht mehr halten konnte und daher das gesamte Material in einem Keller gelagert werden muß (dort wird es wohl auch bleiben, bis wir einen neuen Raum gefunden haben).

In Polen wurde der Internationale Tag des Vegetarismus gefeiert, es gab Vorträge, Versammlungen und das Video "Food without Fear" (Nahrung ohne Angst) wurde ins Polnische übersetzt und kann nun in Schulen und bei anderen Veranstaltungen eingesetzt werden. Außerdem hat die Zeitschrift "Vegetarian World" - eine sehr professionell aussehende Zeitschrift, die seit 1994 regelmäßig erscheint - Urlaubsreisen für Vegetarier organisiert.

Manche von Ihnen erinnern sich bestimmt, daß nach dem EVU-Kongreß in Bratislava (Slowakei) sämtliche Europäischen Regierungen aufgefordert wurden, die vegetarische Ernährung zu akzeptieren und eine vegetarische Option in sämtlichen öffentlichen Einrichtungen verfügbar zu machen. Diese Aufforderung wurde an 30 wichtige Institutionen weitergegeben, darunter auch das Parlament und die Regierung Polens. Bisher haben wir drei Antworten erhalten. Das Nationale Ernährungs- und Gesundheitsinstitut hat eine offizielle Erklärung abgegeben, daß Erwachsene sich gefahrlos vegetarisch ernähren können. Das ist ein großer Schritt von den bisherigen Einstellungen zum Thema Ernährung, aber man wollte doch nicht so weit gehen, eine vegetarische Ernährung für Kinder und Jugendliche zu empfehlen. Die Vegetarische Gesellschaft bemüht sich auch um ein Gesetz, daß verhindern soll, daß Vegetarier in öffentlichen Einrichtungen gezwungen werden, Fleisch zu essen.

Es sieht also aus, als würde sich die Lage langsam bessern. Der Vegetarismus, der früher von der Regierung als subversiv und von der Kirche als ketzerisch betrachtet wurde, nimmt allmählich seinen ihm zustehenden Platz in der Kulturlandschaft Polens ein. Mit der Hilfe der Vegetarischen Gesellschaft Polens und all ihren Freunden bin ich mir sicher, daß der Vegetarismus eine immer breitere Akzeptanz und Verbreitung finden wird und unsere jahrelange harte Arbeit auf diese Weise belohnt werden wird.

Krysztyna Chomicz-Jung, ul.Gdanska 2m. 97, Pl-01633 Warschau, Tel.+48 22 331045


Deutsche Übersetzung von Eva Stabenow