Internationale Vegetarier-Union (IVU)
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Warum die Tiere so wichtig sind
von Maxwell G.Lee
IVU News - October 1995
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Es wird häufig - besonders von religiösen Gruppen - behauptet, Tiere seien geschaffen worden, damit der Mensch sie nach seinem Gutdünken nutzen könne. Dieser Standpunkt hilft vielleicht, das Ausmaß des menschlichen Mißbrauchs des Tierreiches zu erklären. Die Einstellung, vieler Menschen zu den Tieren ähnelt der, die so mancher gegenüber "minderwertigen" Geschöpfen hat. Lange Zeit war die Sklaverei akzeptiert und etabliert. Sie spiegelt eine Einstellung wider, die große Ähnlichkeit hat mit der Haltung, die viele unserer Zeitgenossen den Tieren gegenüber einnehmen. "Respekt vor dem Leben" ist heute ein vielzitierter Slogan, und man sollte darüber nachdenken, nicht allein im Zusammenhang mit Menschen, sondern allem Leben, ob Menschen, Tiere oder Pflanzen. Sie alle haben ihren Platz in der Welt. Von irgendetwas müssen wir leben, und es wird gern dazu geraten, seine Nahrung möglichst weit unten in der Nahrungskette zu suchen. Vegetarier erfüllen dies bereits ein Stück weit, Veganer und "Früchteesser" gehen sogar noch weiter. Alle drei Ansätze basieren auf dem Respekt vor dem Leben und der Überzeugung, daß Menschen Tiere besser behandeln sollten.

Grausamkeit ist in der menschlichen Gesellschaft weit verbreitet, und man kann sich nur fragen, woran es liegt, daß so viele Menschen einen Hang zu Grausamkeit haben. Allein die Grausamkeiten, die im Zusammenhang mit sog. "Sportarten" stattfinden, wären es wert, genauer betrachtet zu werden, doch dieser Artikel befaßt sich vornehmlich mit dem Vegetarismus. Manche finden nichts Grausames daran, Tiere zu verzehren, und gehen davon aus, daß diese zumindest zeit ihres Lebens gut behandelt werden. Das ist offenkundig nicht mehr der Fall seit dem Aufkommen der Massentierhaltung, die die natürlichen Bedürfnisse der Tiere ignoriert. Ob man Kälber in Verschläge sperrt, die ihnen den Zugang zur Mutter, zu frischer Luft oder grünem Gras - ihrem natürlichen Lebensraum - verwehren, ob man Hühner in Batterien hält, wo sie weder ihre Flügel spreizen noch ihre natürlichen Instinkte ausleben können; all diese und viele andere Praktiken gründen sich auf dem mangelnden Interesse der Menschen an den Tieren und deren natürlichen Bedürfnissen.

Die Argumente, die dafür sprechen, sind rein wirtschaftlicher Natur, obwohl die Leute, die diese Grausamkeiten praktizieren, gern behaupten, den Tieren sei es so am liebsten. Doch wenn solche Praktiken nicht grausam sind, was sind sie dann? Angenommen, die Tiere würden - wie häufig behauptet wird - ihre Verschläge tatsächlich nicht verlassen, selbst wenn man die Gatter öffnete, dann wäre das weniger ihr freier Entschluß als vielmehr ein Ergebnis lebenslanger Konditionierung. Doch eines ist sicher: die Tiere werden gar nicht vor diese Wahl gestellt! Die moderne westliche Gesellschaft macht sich schuldig, wenn sie eine Ernährungsform fördert, die auf dem Verzehr von Fleisch und Tierprodukten basiert. Leider wird in manchen Entwicklungsländern dieser Ansatz als westlich und damit als erstrebenswert angesehen! Man verschwendet kaum einen Gedanken an die Behandlung der Tiere oder den Einfluß des Fleischessens auf Gesundheit und Umwelt. Allein der Bevölkerungsdruck in vielen Entwicklungsländern sollte Grund genug sein, zurückzustecken und auf Fleisch zu verzichten.

Tierproduktion in Massentierhaltung führt eher zu einer unerwünschten Konzentration von Gülle, statt als Dünger auf den Feldern von Nutzen zu sein. Was früher einmal wünschenswert schien, ist nun zu einem Ärgernis und ökonomischen Problem geworden. Entsorgung ist teuer, und das Problem steht in engem Zusammenhang mit dem Fleischkonsum. Bauern neigen dazu, die Fäkalien in Wasserläufe, Flüsse und Bäche zu leiten, wo diese dann bestehende Ökosysteme schädigen. Darüber hinaus hat die intensive Tierhaltung den Nachteil, daß sich Krankheiten leichter unter den Tieren verbreiten, so daß sie vorsorglich mit Antibiotika und anderen Medikamenten behandelt werden. Diese sammeln sich natürlich im Fleisch und führen so zu Krankheiten bzw. Antibiotikarestistenz bei Menschen. Außerdem gelangen sie teilweise in den Wasserkreislauf und damit in das Trinkwasser der Menschen, denn nicht alle Rückstände können durch Klärung beseitigt werden.

Das vermehrte Aufkommen von Krebs, Herz-, Nieren- und Leberkrankheiten sowie Diabetes und einer Vielzahl weiterer Krankheiten stehen in engem Zusammenhang mit dem steigenden Fleischkonsum. Die medizinische Forschung hat hinreichend bewiesen, daß eine vegetarische Ernährung der Gesundheit sehr viel zuträglicher ist, und daß bestimmte ernste Erkrankungen unter Vegetariern seltener auftreten. Es ist gut, etwas aus ethischen Gründen zu tun, aber es macht noch mehr Freude, wenn man feststellt, daß es außerdem auch noch gesund ist!

Die zunehmende Verbreitung des Vegetarismus in der westlichen Welt zeugt von dem immer stärker werdenden Wunsch vieler Menschen, einem menschlicheren, gesünderen und umweltfreundlicheren Lebensstil zu folgen. In Nordamerika, Südamerika, Europa, Australien und Asien ist ein spürbares und stetes Wachstum des Vegetarismus festzustellen. Nach der politischen Wende ist in Mittel- und Osteuropa das Interesse am Vegetarismus gewachsen. Vegetarische und Tierschutzbewegungen entstanden, und sie gewinnen immer mehr Unterstützung. In Asien stellen sich Vegetariergruppen staatlichen Versuchen, den Fleischkonsum zu fördern, entgegen. In einem Land wie Indien, mit seiner langen Geschichte des Ahimsa, des Respektes vor dem Leben und damit des Vegetarismus, führen religiöse und ethische Gruppierungen einen Feldzug für die vegetarische Lebensweise. Sie werden unterstützt von Umweltschützern und Ärzten, die die Vorteile des vegetarischen Lebens kennen und begrüßen. In Großbritannien hat es während der letzten zwanzig Jahre eine sehr deutlich Hinwendung zum Vegetarismus gegeben, so daß Vegetarier hier inzwischen nicht mehr als seltsam oder komisch angesehen werden, sondern eher Teil des Mainstream geworden sind. Überall im Land sind vegetarische Mahlzeiten erhältlich, und immer mehr junge Leute wenden sich dem Vegetarismus zu. Die Supermärkte führen zahlreiche vegetarische Produkte, die die Aufmerksamkeit von Fleischessern auf sich ziehen und diese mit der großen Auswahl schmackhafter, gesunder und menschlicher Lebensmittel, die Vegetarier essen, bekannt machen. Linda McCartney, die Frau des berühmten Beatle, Paul McCartney (die beide kürzlich Schirmherren der Vegetarian Society des Vereinigten Königreichs wurden), hat ein Sortiment von Fleischersatzprodukten, u. a. Pasteten und Würstchen, auf den Markt gebracht, an denen auch Leute gefallen finden, die sich nicht als Vegetarier bezeichnen würden. Auch in anderen Ländern tut sich etwas in dieser Richtung.

Zu einem nicht geringen Teil ist die moderne Technologie dafür verantwortlich, wie Tiere in unserer Gesellschaft mißhandelt werden. Neuerdings führen Entwicklungen in Biotechnologie und Genetik zu neuen Möglichkeiten, Tiere für menschliche Zwecke zu mißbrauchen, und Moral scheint kaum eine Rolle zu spielen, wenn es darum geht, neue Wege zu finden, Tiere noch umfassender auszubeuten. Wenn Menschen Rechte an Tieren besitzen, dann müßten sie ihnen gegenüber auch eine Verantwortung haben. Das hieße, daß sie das Tier schützen und für sein Wohlbefinden sorgen sollten. Doch leider deutet die derzeitige Situation darauf hin, daß solcherlei Betrachtungen - wenn überhaupt - bei den allermeisten Menschen kaum Beachtung finden. Alles, was sie interessiert ist der größtmögliche ökonomische Nutzen, den sie von den Tieren haben können.

Es wird oft argumentiert, wir könnten Tiere deshalb behandeln, wie es uns beliebt, weil sie anders seien als die menschliche Spezies. Natürlich machen sich Menschen, die diese Meinung vertreten, möglicherweise ebenso wenig Gedanken um die Behandlung anderer menschlicher Gesellschaften. Viele von uns sehen hier einen Zusammenhang. Es ist wahrscheinlicher, daß Menschen, die andere Menschen mit Respekt behandeln, auch anderen Spezies Respekt entgegenbringen. Mehr als einmal wurde der Vorschlag gemacht, man möge sich doch, statt um Tiere, lieber zuerst um die Menschen sorgen. Menschen, die sich für Tierrechte einsetzen, sind normalerweise ebenso besorgt um menschliches Leid.

Wir wissen, daß Tiere Schmerz empfinden und leidensfähig sind. Ihre Gedankenprozesse können wir nicht vollständig verstehen, aber es gibt umfangreiche Beweise dafür, daß auch Tiere eine Gesellschaft und eine bestimmte Lebensart haben. Wer will entscheiden, daß ihre Rechte weniger wert sind als die der Menschen? Viele Tiere sind weniger intelligent als Menschen, aber auch unter den Menschen schwankt der Grad der Intelligenz beträchtlich. Wenn man so argumentiert, daß unsere intellektuelle Überlegenheit uns das Recht gibt, Tiere zu behandeln wie es uns paßt - nämlich ohne jedes Mitleid oder Gefühl -, dann kann man auch sagen, daß weniger intelligente Menschen mißachtet werden dürfen. Und tatsächlich haben bestimmte politische Philosophien - obwohl sie stark kritisiert wurden - genau dies vertreten.

Wir wandeln nur für eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten, und wie wir ihn nutzen und behandeln wird Einfluß auf zukünftige Generationen haben - möglicherweise bis zum Ende der Welt. Man kann sagen, daß es in unserem Interesse liegt, Not und Verbrechen, unter denen Menschen und Tiere leiden, zu minimieren und eine humanere Welt in Frieden mit sich selbst zu schaffen. Wenn wir davon ausgehen, daß dieses Ziel dem größten Teil der Menschheit erstrebenswert erscheint, dann müssen wir unser Verhalten gegenüber Menschen und Tieren verbessern. Die Menschen wollen im Grunde ein gesundes Leben führen, und die vegetarische Lebensweise geht in diese Richtung, wobei gleichzeitig das Leiden anderer Tiere verringert wird. Fleischessen basiert auf Heuchelei. Die Menschen benutzen manche Tiere als Haustiere und behandeln sie auf eine bevorzugte Art und Weise. Andere Tiere werden als Schädlinge oder Lebensmittel klassifiziert, so daß ihnen die Pflege und der Schutz, den Haustiere genießen, nicht zukommen. Man sollte bedenken, daß man in vielen Ländern strafrechtlich verfolgt würde, würde man seine Haustiere so behandeln, wie "Nutztiere" behandelt werden. Viele wildlebende Tiere genießen keinerlei gesetzlichen Schutz, so daß Jäger und wem es sonst noch gefällt mit ihnen tun und lassen können was sie wollen.

Ich behaupte, daß die Zukunft der Welt davon abhängt, wie wir unsere schwächeren Mit-Wesen behandeln. Grausamkeit sollte es in einer zivilisierten Gesellschaft nicht mehr geben. Obwohl wir oft von uns selbst behaupten, zivilisiert zu sein, würde ich sagen, daß wir weit davon entfernt sind. Voller Schrecken blicken wir heute zurück auf die Zeit der Sklaverei und können nicht verstehen, wie sie so lange Bestand haben konnte bzw. in manchen Teilen der Welt noch heute fortbestehen kann. Während wir uns von der Versklavung von Menschen entfernen, sollten wir auch den nächsten Schritt ins Auge fassen und uns ebenso von der Versklavung der Tiere distanzieren. Sowohl aus moralischen als auch aus egoistischen Gründen sollte eine vegetarische Welt ohne Ausbeutung und Grausamkeit gegenüber Menschen und anderen Tieren unser Ziel sein. Wenn wir uns jetzt nicht darum kümmern, wird die Zukunft aller Lebewesen weiterhin schwarz aussehen.

Maxwell G. Lee



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Betreut von Bettina Rehberg - german@ivu.org