Internationale Vegetarier-Union (IVU)
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IVU News

Praktische Lösungen für das weltweite Hungerproblem
Von Paul Turner
IVU News - August 1999

Armut auf der Erde

Mutter und Kind erhalten eine Gratismahlzeit in Vrindavan, Indien

Laut WHO (World Health Organisation) leben heute mehr als eine Milliarde Menschen in Armut. Jeremy Rifkin (Autor von 'Beyond Beef-the Rise and Fall of the Cattle Industry') meint dazu: Wachsende Armut führt zu wachsender Unterernährung. In Afrika ist fast jeder vierte Mensch mangelernährt. In Lateinamerika geht ungefähr jeder achte Mensch hungrig zu Bett. In Asien und in der Pazifikregion befinden sich 28 Prozent der Bevölkerung nah an der Grenze zum Hungertod und müssen den nagenden Schmerz des immerwährenden Hungers ertragen. Im Nahen Osten ist jeder zehnte Mensch unterernährt.

Nach Berichten der Vereinten Nationen gehen dem Großteil der ländlichen somalischen Bevölkerung die Lebensmittelvorräte zur Neige, sodass sie von einer einzigen spärlichen Mahlzeit am Tag leben müssen. In den ehemaligen Kriegsgebieten des Kosovo müssen tausende von Flüchtlingen mit mageren Essensrationen auskommen.

Der Hunger in unserer Welt ist ein ernstes Problem. Wir haben gerade nur einen flüchtigen Blick auf die Ausmaße dieser eskalierenden menschlichen Tragödie geworfen. Die zwingende Wahrheit ist, dass nie zuvor in der Menschheitsgeschichte ein so großer Anteil der Menschheit - nämlich nahezu 20 Prozent - unterernährt waren. Zwischen 40 und 60 Millionen Menschen sterben Jahr für Jahr an Hunger und davon verursachten Krankheiten. Tragischerweise müssen dabei die Kinder den größten Tribut zahlen.

Unterernährung

Im Vorwort zum UNICEF-Bericht 'State of the world's Children' spricht UNO-Generalsekretär Kofi Anan eine einfache aber zutreffende Wahrheit aus:

Gesunde Ernärung kann das Leben von Kindern positiv verändern, ihre physische und psychische Entwicklung fördern, ihre Gesundheit schützen und eine Grundlage für ein produktives Leben darstellen. In den Entwicklungsländern sind mehr als 200 Millionen Kinder unterernährt. Für sie, aber auch für die übrige Welt, ist dies eine überaus dringliche Botschaft. Unterernährung ist der Grund für mehr als die Hälfte der jährlich fast 12 Millionen Sterbefälle von Kindern unter fünf, die in Entwicklungsländern leben. Unterernährte Kinder erleiden oft den Verlust ihrer so unverzichtbaren geistigen Fähigkeiten.

Unterernährung verursacht Wachstumsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Untergewicht von Neugeborenen und wirkt sich direkt auf die Abwehrkräfte von Kindern aus.

Das Recht auf gesunde Ernährung

Egal wie teuer Ernährung auch immer sein mag, die Zusicherung guter Ernährung ist im internationalen Gesetz verankert. Dem Recht auf angemessene Ernährung kommt in der 1989'er Konvention für die Rechte des Kindes ein großer und überaus wichtiger Abschnitt zu.

Im Rahmen dieser Konvention müsste jede Regierung in der Welt das Recht der Kinder auf den höchst möglichen Gesundheitsstandard (insbesondere das Recht auf gute Ernährung) anerkennen und realisieren.

Gesunde Ernährung ist ein Recht, weil es im besten Interesse für das Kind ist.

Artikel 24 der Konvention besagt, dass die Parteien auf angemessene Mittel zurückgreifen müssen, um die Säuglings- und Kindersterblichkeit zu verringern, und um mit den modernsten verfügbaren Technologien und durch die Bereitstellung von angemessenen Nahrungsmitteln und sauberem Trinkwasser Krankheit und Unterernärung zu bekämpfen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass jedes menschliche Wesen in der Pflicht steht, Unterernährung von Kindern mittels internationalen Gesetzen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, praktischer Erfahrung und eines menschlichen Moralverständnisses zu lindern.

Hunger in einer Welt des Überflusses

Der 'Welternährungsgipfel' der UN 1996 in Rom stand unter dem Motto "Hunger in einer Welt des Überflusses". Vertreter der Vereinten Nationen und NGOs aus aller Welt trafen sich, um über Wege aus der drohenden globalen Krise, die weiterhin zu eskalieren droht, und die die Menschheit im 21.Jahrhundert gefährdet, zu diskutieren. Dr. Kay Killingsworth erklährte, dass das Problem seine Ursachen nicht in unzureichender Nahrungsmittelproduktion habe, sondern durch ungleichmäßige Verteilung der vorhandenen "Lebensmittel entstehe. Die Folge ist, dass das Essen die Bedürftigsten nicht erreicht."

Unser Leben als Spiegel unserer Seele

John Robbins, Autor des Bestsellers 'Diet for a New America' schreibt:

"Die Existenz so viel Hungers auf unserem Planeten ist eine Realität, die nicht zu leugnen ist. Er ist eine Realität, die uns im Innersten berührt: Er wirft die Frage nach einer stärkeren Menschlichkeit in uns auf."

Robins erörtert, dass für das weltweite Hungerproblem nicht ausschließlich die Vereinten Nationen, sondern jeder einzelne menschliche Erdenbewohner, verantwortlich ist.

"Sobald wir uns derer erinnern, die kein Essen haben, wird etwas in uns wach." sagt Robbins. "Eine Art tiefen Hungers ergreift uns dann - ein Hunger nach einem ganzheitlichen Leben, unser Leben mit unserem Gewissen in Einklang zu bringen und unser Leben zu einem Spiegel unserer Seele werden zu lassen."

Ein weltweiter Auftrag für Speisung und Aufklärung

"Food for Live", eine humanitäre Mission der 'International Society for Krishna Consciousness (ISKCON)', ist eine vegetarische Gruppe, die versucht, das Leben der Hungerleidenden dieser Erde zu verändern. Ihr Auftrag, eine friedliche und glückliche Welt durch Armenspeisung zu ermöglichen, hat eine zweifache Strategie:
  1. Speisungsprogramme
    1. Gratis-Restaurants
    2. Budget-Restaurants
    3. Hilfe in Notfällen
    4. Essen auf Rädern
    5. Unterküfte (für Obdachlose, Frauen in Not, etc.)
    6. Ernährungsprogramme an Schulen und Universitäten
    7. Essensverteilung in Tempeln
    8. Kulturelle/religiöse Feste
  2. Moralische Bildung
    1. Verkauf vegetarischer Kochbücher
    2. Zusammenkünfte auf vertraulicher Basis
    3. Zusammenarbeit mit kirchlichen Gruppen
    4. Kontakte zu den öffentlichen Medien
    5. Religiöse Veröffentlichungen

Was können Vegetarierer und Veganer beitragen?

Da Unterernährung ein so wesentlicher Faktor des Hungers in der Welt ist, spenden jedes Jahr vegetarische und vegane Gruppen große Teile ihres Budgets für öffentliche Aufklärungs- und Ausbildungsarbeit über den Wert pflanzlicher Kost. Doch ist damit schon genug getan?

Der Besuch von mehr als 50 Ländern im Rahmen von Speisungsprogrammen hat mir deutlich gemacht, dass die direkte Soforthilfe durch die Gabe einer warmen vegetarischen Mahlzeit mehr Auswirkungen auf den Magen eines Hungerleidenden hat als ein teures Aufklährungsprogramm. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Beide Programme haben ihre Daseinsberechtigung. Jemanden beizubringen, selbst Nahrungsmittel anzubauen hilft natürlich auch weiter und ist richtig. Doch die erforderlichen Verhältnissen sind nicht in jeder Situation gegeben

Ich denke, dass dieses Ungleichgewicht so nicht weiter bestehen darf. Hier ein paar praktische Schritte dies zu beheben.

  1. Speisungsprogramme
    Die vegetarische/vegane Gesellschaft kann folgende Aktivitäten durchführen:
    1. "Budget vegan restaurants"
    2. Essen auf Rädern
    3. Unterküfte (für Obdachlose, Frauen in Not, etc.)
    4. Klubs an Schulen und Universitäten
    5. Finanzielle Unterstützung von bestehender Armenunterstützung
Die oben aufgeführten Strategien ähneln denen von "Food for Life", es fehlen aber die Punkte Gratis-Restaurants, Hilfe in Notfällen und Essensausgaben in Tempeln. Die finanzielle Unterstützung von vegetarischen/veganen Hilfsorganisationen ist ein einfacher Weg, dasselbe zu erreichen.
  1. Ernährungslehre für
    1. UNICEF
    2. World Food Program (WFP)
    3. Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen
    4. Zusammenarbeit mit kirchlichen Gruppen
    5. Kontakte zu den Medien
    6. Regierungsveröffentlichungen
    7. Bildungsministerium
    8. Gesundheitsministerium
Alle oben aufgeführten Organisationen und Veröffentlichungen können mit professionellen Informationspaketen, die die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Förderung einer ernährung auf pflanzlicher Basis enthalten, ausgerüstet werden. Diese Pakete können von der IVU zusammengestellt und verkauft werden. Es ist wichtig, dass die Informationen von einer Quelle (der IVU) zusammengestellt werden, um Inkonsistenzen zu vermeiden.

Zusammenfassung

Wir glauben fest daran, dass jeder Mensch mitverantwortlich ist, die Unterernährung, die jährlich mehr als 12 Millionen Kindern den Tod bringt, zu bekämpfen. Dies wurde von vielen führenden Vegetariern herausgestellt und von der 1989er UN-Konvention für die Rechte des Kindes bestätigt. Entgegen der Aussagen vieler Hilfsagenturen ist der Hunger in der Welt auf dem Vormarsch.

Vegetarische und vegane Gesellschaften sollten es als Aufgabe erkennen, Speisungsprogramme und Aufklärung über die Vorteile einer pflanzlich basierten Ernährung nicht aussschließlich an die breite Öffentlichkeit, sondern auch an die großen Meinungsbildner zu richten. Die hungrigen Kinder in den Entwicklungsländern sind auf jeden von uns angewiesen!

Weitergehende Informationen:


Deutsche Übersetzung von Ulrich Rehberg

Beiträge zu den IVU-News sind willkommen. Das veröffentlichte Material gibt nicht notwendiger Weise die Meinung des Herausgebers oder die Politik der Internationalen Vegetarier-Union wieder.
Betreut von Bettina Rehberg - german@ivu.org