Internationale Vegetarier-Union (IVU)
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IVU News

Nahrung, Aggression und Ehrfurcht vor dem Leben
von Claude Pasquini
IVU News - März 2000

Wenn wir uns nach Nahrung sehnen, verlangen wir nach den Nährstoffen, der Energie, die Kraft, die Ausdauer, kurz nach dem Leben, dass Nahrung uns geben kann. Das Verlangen nach Nahrung ist auch ein Verlangen nach der Erfahrung des Essens: es sehen, es berühren, es riechen, es schmecken. Wenn wir essen und sinnesmäßig Nahrung erfahren, nehmen wir einen Teil der Welt in uns auf. Somit bestätigen wir unsere Dominanz über der Welt.

Nahrung für das Bewusstsein

Wenn wir in ein Stück Nahrung beissen, tun wir es im allgemeinen nicht mit einer Einstellung der Demut. Es ist einfach ein Akt der selbsterhaltenden Aggression, eine Bedingung zum Überleben, genauso wie das bestimmte aber unbewusste Anhängen eines Neugeborenen an die Mutterbrust ein angeborenes Verhalten ist, speziell geschaffen, um dem Neugeborenen den ersten Kontakt mit dem Mühsal des Lebens so sicher und erträglich wie möglich zu machen. Wenn das neugeborene Baby die lauwarme und dicke Milch seiner Mutter erfährt, wird es sich das erste Mal des Essens bewusst. Und während das Baby zur Kindheit und dem Erwachsensein hin wächst, wird die physikalische Erfahrung des Essens zu einer psychologischen, und dann auch zu einer geistigen.

Das physikalische Bewusstsein von Nahrung ist das erste und urweltliche. Wenn wir anfangen, Essen zu mögen oder nicht zu mögen, wenn es anfängt, unsere Gefühle zu beeinflussen, wird das physikalische Bewusstsein von Nahrung durch ein psychologisches ersetzt. Währenddessen lernen wir auch, verschiedene Arten von Nahrung zu unterscheiden. Je mehr essbare Sachen wir erkennen können, desto mehr wissen wir über Nahrung und die Chemie und Physiologie ihrer Verdauung, desto mehr wird unser psychologisches Bewusstsein von Nahrung zu einem geistigen. dann fangen wir an, darüber nachzudenken, warum wir bestimmte Nahrungsmittel mehr mögen als andere, und darüber was die ideale Nahrung für unser physikalisches, psychologisches und geistiges Wohlbefinden ist. Wir werden vielleicht sogar versuchen zu verstehen wie genau Nahrung unsere existenzielle Totalität beeinflusst.

Unsterblichkeit des Lebens

Dies ist so sehr wichtig, weil Nahrung unseren beständigen Kontakt mit der Welt bedeutet. Wir verlassen uns darauf zum Überleben, genauso wie wir uns auf die Welt verlassen. Durch Nahrung, mit ihr, und für sie, manipulieren, kontrolieren, erschaffen und zerstören wir unsere Umwelt. Wenn wir Pflanzen, Tiere, und die daraus entstehenden Produkte (Obst, Samen, Nüsse, Milch, Eier, etc.) essen, setzen wir fort das zu sein was wir als neugeborene Babys waren: aggressiv im Sinne von sich behaupten zum Überleben. Wenn wir keine Tiere töten und essen, können wir nur ihre Eier und Milch essen, oder uns nur von Pflanzen ernähren. Wenn, um es weiterzuführen, wir keine Tierprodukte benutzen und auch keine Pflanzen zur Ernährung töten wollen, dann dürfen wir uns nur von Pflanzen-Produkten ernähren. Trotzdem, was auch immer wir tun, wir werden auf irgendeine Weise Leben oder potenzielles Leben zerstören müssen. Dies ist so, weil Leben sich von Leben ernährt. Es ist der Weg des Lebens sich Unsterblichkeit zu sichern.

Essen ist auch unser Versuch, unsere Unsterblichkeit zu sichern. Außerdem können wir über unser Essverhalten entscheiden. Vegetarisch essen lässt Tieren das Recht, ihren Willen zum Leben zu behaupten. Auf der anderen Seite, vegan sein, lässt ihnen die Möglichkeit und das Recht sich zu vermehren (Eier) und ihren Nachwuchs zu ernähren (Milch). Einige von uns verlassen sich nur auf Obst, Samen, Nüsse und dergleichen für Nahrung, weil sie versuchen, nicht das Leben der Pflanzen zu nehmen. Dies macht es sehr schwer und fast unmöglich nicht in potenzielles Leben einzugreifen.

Wie auch immer, je weiter wir uns entlang der Linie von Nicht-Eingreifen in die verschiedenen Formen von Lebenskampf um die Unsterblichkeit entwickeln, und je weniger Schaden wir den Tieren und Pflanzen antun, um so größer wird unsere Demut und Erfurcht vor dem Leben. Wenn eine nährstoff-basierte Spiritualität etwas heißen soll, dann ist es dies worum es geht: ein Weg, sich zu ernähren der in sich aggressiv, aber trotzdem friedlich und altruistisch in seiner Absicht ist.


Claude Pasquini ist der IVU-Verbindungsbeauftragte für Europa und ein Mitglied des IVU-Rates

Essen ist sowohl ein Akt der Aggression als auch ein Ausdruck der Ehrfurcht vor dem Leben. Wenn wir alle Aspekte der Ernährung in Angriff nehmen wollen, verdient diese seltsame jedoch ganzheitliche Ansicht unseres Essverhaltens ernsthafte Betrachtung. Ein ganzheitliches Verständnis der Ernährung kann nicht ignorieren, dass essen nicht nur eine Sache des Vergnügens ist, sondern auch eine Sache von Leben oder Tod.

 

 

 


... was auch immer wir tun, wir werden auf irgendeine Weise Leben oder potenzielles Leben zerstören müssen. Dies ist so, weil Leben sich von Leben ernährt. Es ist der Weg des Lebens sich Unsterblichkeit zu sichern.

 

Deutsche Übersetzung von Isabelle Perkins

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